Tansania       Januar 2014

 

Karibu

Es sind zufällige Eindrücke, die ein Land oder eine Stadt sympathisch erscheinen lassen oder nicht. Unser erster Eindruck von Tansania fällt leider nicht positiv aus. In der drittgrößten Stadt des Landes, in Mbeya gibt es keinen einzigen Supermarket, die Visakarten funktionieren an den meisten ATM-Automaten nicht, die Nationalparks sind unverschämt teuer, im ganzen Land  gibt es kein Schweppes Tonic für den Sundowner zu kaufen und die wenigsten sprechen Englisch. Ständig werden wir von der Polizei aufgehalten. Die Polizisten sitzen unsichtbar in ihren khakifarbenen Uniformen im Schatten großer Mango- oder Niembäume. Einer hält eine Laserpistole in Richtung heranbrausender Autos, während die beiden anderen Beamten, auf weißen Plastikstühlen zurückgelehnt, die Beine weit von sich strecken.

jeder Häuslebauer hat seine eigene Ziegelbrennerei

Wir Muzungus (Weiße) sind immer interessant. Entweder für ein Schwätzchen oder um abzukassieren. Einmal fuhren wir 52 statt der vorgeschriebenen 50 Stundenkilometer, oder wir überholten auf einer Brücke, ein andermal wird die Versicherung und der Führerschein kontrolliert oder der Sprung in der Windschutzscheibe beanstandet. Dabei hatte man uns vorgewarnt. Ein Steinschlag an der Windschutzscheibe ist unverzüglich bei der nächsten Polizeistelle zu melden. Man bekommt einen Wisch und hat damit einen Monat Zeit, die Windschutzscheibe zu reparieren bzw. auszutauschen. Bei den korrupten Beamten handeln wir entweder von uns aus auf 10.000 Schilling (ca. 5.-€) herunter oder die Polizei selber macht uns den Vorschlag: „It costs 10.000 if you want to make it friendly.“ Natürlich wollen wir eine freundliche Abwicklung, 5.-€ sind ja schließlich nicht viel, aber es summiert sich. Wegen der Windschutzscheibe machen wir dann doch auf einer Polizeistation Selbstanzeige. Heimo betritt ein kahles finsteres Büro, im Hintergrund, wie im wilden Westen hinter Gittern ein paar Delinquenten. Die Beamten haben natürlich keine Ahnung was Heimo will, daher diktiert er, ein Beamter schreibt und ein anderer stempelt das Papier.

Heimo regen die vielen „Speedhumps“ auf. Die sind eine afrikanische Spezialität, es gibt sie überall. Aber in Tansania, egal ob auf Asphaltstraßen oder schlechten Pisten, in Dörfern oder Städten sind sie alle 50 bis 100 m, sehr oft ohne Vorwarnung und dann so hoch, dass sie trotz Vollbremsung die Autos ruinieren. Heimo ist nicht geschäftstüchtig, sonst würde er in jeder Stadt Läden für neue Stoßdämpfer und Autofedern einrichten.

Lindi is piss“ beteuert der Schwarze immer wieder als wir ihn nach einer Campingmöglichkeit fragen und er sagt wir könnten überall stehen, auch am Strand. Er meinte wohl peacefull und die Worte ‚safe‘ oder ‚secure‘ fielen  ihm nicht ein, oder er kannte  sie nicht. Er führt uns den Berg hinauf zu Giuseppe, einem Mafioso aus Sizilien der vorgibt aus Rom zu sein. Er fragt mich, wo ich her komme. „Bolzano“. „Conosco. Bolzano. Bolzano del Grappa“. Giuseppe hat eine Pizzeria. Wir essen als Antipasto frutti di mare aus der Dose, danach eine Pizza Capricciosa die kapriziöser nicht sein könnte und Heimo wie immer, wenn er der Küche misstraut, Spaghetti Aglio e Olio. (Manchmal ist er doch gescheiter als ich). Der Platz wäre schön, würde nicht Caruso aus dem Haus mit den Jingle Bells und Silent night, holy night der bunten blinkenden Beleuchtung im Garten wetteifern.

Himmel des Friedens, heißt die größte Stadt übersetzt. Trotzdem würden wir Daressalam auf der Fahrt in den Norden nur zu gerne rechts liegen lassen, aber wir holen Konstantin am Flughafen ab. Nur 15km Luftlinie vom Kipepeo Beach Village entfernt und trotzdem muss man mit Stunden rechnen. Es gibt keine einzige Brücke über den Fluss. Sogar ein Europäer der noch nie in Afrika war kann sich das Chaos und den Stress an der Fähre vorstellen, daher entscheiden wir uns außen herum zu fahren. Zeitlich bleibt es sich gleich, aber mit so vielen Baustellen und Straßenmärkten haben wir nicht gerechnet. Am internationalen Flughafen gibt es 2 Geldautomaten. Jeder Ankommende braucht natürlich Geld in der Landeswährung. Pech gehabt: die Automaten funktionieren nicht. Überhaupt regen mich Länder auf, die neben der Landeswährung auch US-$ verlangen. So bezahlt man im Hotel fürs Übernachten in Dollar, aber an der Bar oder im Restaurant desselben Hotels in Shilling. Wer nicht über beides ausreichend verfügt, dem kommt man kulanter Weise entgegen. Es versteht sich aber von selbst, dass man ihm beim Wechselkurs nicht auch noch entgegenkommen kann. Heimo hat dafür wieder einmal den passenden Spruch: „Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.“  Kreditkarten werden nur in den allergrößten und teuersten Hotels akzeptiert.

 

Landessprache ist Suaheli. Üblicherweise tun sich alte Sprachen bei Neologismen etwas schwer. Nicht so die Tansanier. Ihre meisten Substantive enden auf „i“, also hängen sie den Neuwörtern ebenfalls ein „i“ an. Eine Bank ist eine „benki“, „bootsi“ sind Stiefel, „keeplefti“ ist ein Kreisverkehr, „soldouti“ ist auch klar, aber „benzi“? Naja, mit ein bisschen Fantasie kann man auch dieses Rätsel lösen. Damit sind Reiche, Korrupte, Politiker gemeint. Sie alle fahren eine bestimmte deutsche Automarke.

In Bagamoyo  ca. 70km nördlich von Dar endete der lange Marsch der Sklaven- und Elfenbeinkarawanen aus dem Landesinneren. Auf Daus mit großen Lateinsegeln wurden sie nach Sansibar gebracht. Wir essen zu Mittag in dem luftigen Restaurant Poa Poa (frisch frisch) tatsächlich frischen Fisch. Wir wollen die Küste entlang weiter in den Norden fahren und müssen durch den Saadani NP. Laut Werbung des Tourismusbüros ein kleiner aber einzigartiger Nationalpark, da hier die Löwen und Elefanten bis ans Meer kommen. Das ist wohl sehr theoretisch gemeint, denn von Wildtieren entdecken wir keine Spur. Das einzige was wir sehen sind Menschen und Ziegen. Irgendwo habe ich gelesen Wildtierreservat ist in Tansania eine schönfärberische Bezeichnung für Wildererparadies. 130$ hat uns die 2-stündige Durchfahrt gekostet.

Nördlich von Pangani in der bekannten Peponi Lodge direkt am Meer bleiben wir 2 Tage. Dann wird Konstantin unruhig, er will weiter: Autofahren, am liebsten wilde Pisten und Schlammfahrten. Mit dem Schlamm hat er aber Pech. Es ist zwar Regenzeit, aber es hat lange nicht geregnet. Der Mais auf den Feldern ist vertrocknet. Schrecklich für die Menschen, die in gebückter Haltung in der sommerlichen Hitze mühsam mit Harken den harten Boden  bearbeitet und Saatgut gekauft haben. Die Sisalplantagen sind noch grün, sie brauchen viel weniger Wasser.

In den Usambara Bergen kaufen wir in einer Lodge Schwarzbrot, Joghurt und Tilsiter-Käse. Durch Urwald fahren wir zum World Viewpoint. Dort flüchten wir gleich wieder ins Auto nachdem uns Scharen von Kindern und Erwachsene give me money-schreiend umzingeln.

Richard Grant, ein amerikanischer Journalist behauptet nirgendwo auf der Welt Menschen getroffen zu haben, die so aufs Geld versessen sind wie in Afrika, 'nirgendwo sei die Geldgier so groß, dieser fordernde Anspruch auf Geld, Geld, Geld.' Paul Theroux, ein weiterer Reiseschriftsteller schrieb die Afrikaner sähen in ihm 'die Brieftasche auf Beinen.' Wie wahr!

Und Veilchen haben wir auch keine gesehen.

Vom Südosten kommend fährt man immer kerzengerade auf den Kilimanjaro zu. Der majestätischte Berg Afrikas zeigt sich uns schon 140km vorher.

Wenn wir schon nicht oben waren, so sind wir um Mount Meru und Kilimanjaro zumindest drum herumgefahren. Von Arusha geht’s zuerst Richtung Norden, dann, nach Osten nahe der Grenze zu Kenia, durch heiße, karge Baumsavanne. Sukuma-Hirten in blauen, und Massai in roten Gewändern treiben mit Stöcken ihre Rinder und Ziegen durch gnadenlos überweidetes Land. Der Südosten ist wieder reicher an Niederschlägen, hier wird Ackerbau betrieben.

morgens um 6 Uhr wirkt er unheimlicher als in Wirklichkeit

 

Lake Chala ist ein türkisfarbener Kratersee südöstlich von Kilimanjaro und Hans Meyer Spitze mit einem Durchmesser von 3km. Ein Viertel gehört zu Kenia, der Rest zu Tansania. Das Ufer fällt steil ab, zu steil und anstrengend für uns und Baden wollen wir in dem unheimlichen See wo böse, Nessie-artige Bestien ihr Unwesen treiben sowieso nicht.

Paradise Beach

Es gibt für mich 2 Mythen in Afrika. Der eine, Timbuktu, war für uns 2011 wegen der politischen Unruhen unerreichbar. Von Sansibar kann uns aber nichts abhalten.

ZANZIBAR, allein das Wort klingt wunderbar!

Tropisches Klima, Palmen, weiße Sandstrände so fein wie Pulver, einmalige Sonnenuntergänge im türkisen Meer, Kite-Surfer, Gewürze, dann das Gassengewirr von Stonetown, große schlanke Massai in farbenfrohen Kikoy, kleine Araberinnen in Buibui, den schwarzen Gewändern. Jeden Augenblick meint man den großen Entdeckern Burton, Speke, Livingstone oder Stanley zu begegnen oder den an Ketten gefesselten Sklavenkolonnen, die zum Markt getrieben werden.

Danke Thom, für den guten Hoteltipp

 

Wir sind eine Woche in Paje, im Paradise Beach Hotel, das von einer Japanerin geführt wird. Sushi, Sashimi, Tempura und eine Reihe von Köstlichkeiten stehen auf der Speisekarte, die wir zwar gegessen deren Namen uns aber nicht gemerkt haben. Wir mieten eine Vespa und Konstantin darf wieder einmal ein Geschenk (Nr. 5) an die Polizei machen, da er zwar den deutschen und internationalen Führerschein vorweisen kann, nicht aber das Sansibar-Permit, das  man ausschließlich in Stone Town kaufen kann. Die letzten 2 Tage verbringen wir in  Stonetown, der Geburtsstadt von Faroukh Bulsara,. Faroukh was? Nie gehört? Und trotzdem bin ich mir sicher, dass du ihn kennst. Kannst ja googeln.

Vater und Sohn beim Schachspiel

 

Konstantin fliegt von Sansibar zurück nach München, wir nehmen wieder den Katamaran Kilimanjaro IV zurück nach Daressalam. Diesmal achten wir darauf, dass auf dem Ticket wirklich First Class steht. Auf der Hinfahrt haben wir zwar dafür bezahlt, aber der Ticketverkäufer hat sich die Differenz zur Businessclass wohl eingesteckt und wir haben es zu spät bemerkt.

Dieses Hotel in Tabora war für Kaiser Wilhelms Besuch gedacht, doch dann kam der 1.Weltkrieg

Going West

Morogoro, Dodoma, diese langweilige Stadt ist übrigens die Hauptstadt Tansanias, Manyoni. Hier verlassen wir die Teerstraße mit den nervigen Wegelagerern, sprich Polizisten und folgen der Piste entlang der Mittellandbahn, die von den deutschen Kolonialisten bis nach Kigoma am Tanganjika See gebaut wurde. An der alten Bahnlinie hat sich nur wenig verändert, und Heimo fotografiert Stahlschwellen und Gleis wo 1909, 1910 oder 1911, Hoesch, Union und Krupp eingeprägt wurde und Bahnhofsgebäude im preußisch-wilhelminischen Stil. Vier Tage brauchen wir dazu. Starten in Allerhergottsfrüh und fahren bis es dunkel wird.

Am dritten Tag ist es schwer ein Hotel oder Buschcamp zu finden, da die rote Lateritpiste entweder durch Dschungel, Reisfelder oder Dörfer führt. Wir fragen den Dorfältesten ob wir über Nacht bleiben dürften. „Hakuna Matata“ – kein Problem. Die Männer unter einer wandlosen Hütte auf der einen Seite, die Frauen vor ihren Hütten auf der anderen und die Kinder auf der Erde herumtummelnd auf der nächsten, alle im respektvollem Abstand, schauen uns neugierig zu wie wir unser Dachzelt aufbauen. Niemand bettelt. Sie sind Moslem, aber auf dem Lande ist das nicht so streng, daher nehmen sie das von Heimo angebotene Bier gerne an. Nur zu gerne würde ich duschen, den Schweiß und Staub des langen Tages abwaschen. Aber bei so vielen Zuschauern? Wir fühlen uns unwohl, wenn wir einmal nicht duschen können. Wie muss reisen durch Afrika früher, zur Zeit der großen Entdecker gewesen sein? Wochenlang katastrophale hygienische Bedingungen, widrige Wetterbedingungen, körperliche Anstrengungen, mit Fieber, Geschwüren, Beulen…

Endlich erreichen wir Kigoma. Etwas südlich das Jakobsen’s Beach & Guesthouse direkt am Tanganjika See. „Eines der schönsten Campingplätze Tansanias“ steht im Reise Know-How. Für uns ist es der Schönste. Stundenlang sitzen wir am Ufer, in der kleinen Bucht, schauen in den Sternenhimmel über uns, oder wie sich die Gewitterwolken über den Bergen auf der anderen Seite des Sees. bereits im Kongo, zu fantastischen Formen auftürmen.  Es heißt Reisende finden zu sich selbst. Ich fürchte das trifft bei mir nicht ganz zu. Aber friedliche Orte wie diese, wo die Zeit fast still zu stehen scheint, lassen Gedanken, Bilder, Stimmungen und Stimmen intensiver wahrnehmen. Ich bin glücklich und möchte die Augenblicke festhalten.

Am letzten Tag in Tansania fahren wir nach Ujiji, ein paar Kilometer südlich von Kigoma.

Am Strand liegen Holzboote der Fischer. Das ist der Ort, an dem am 10. November 1871 der amerikanische Journalist Henry Morton Stanley endlich den Missionar David Livingstone unter einem Mangobaum fand und die legendären Worte sprach: „Dr. Livingstone, I presume“. Aber die beiden Engländer Richard Burton und John Speke haben schon vorher, am 14.Februar 1848 als erste Europäer, den Tanganjika See erreicht und geglaubt die Quellen des Nil gefunden zu haben.

Für uns bleibt nichts mehr zu entdecken, also fahren wir weiter nach Burundi. Wohl wissend, dass wir bald wieder nach Tansania zurückkehren werden, da wir diesmal in Arusha das Auto abstellen werden, bevor wir wieder heim fliegen.

- weiter geht's  in Burundi