Ruanda             

Die Wilden Kerle

„Das Land der tausend Hügel“ verbinden wir mit zwei Gs – Gorillas und Genozid.

 

Manches ist wie in Burundi: ein kleines Land, dicht bevölkert (ca.10 Mio Einwohner), ein Hochland nicht unter 1000m, sehr grün und fruchtbar, im Westen ein großer See (nicht mehr der Tanganjika, sondern der Kiwu) und am Straßenrand Scharen von Kindern die „muzungu, muzunguu“ schreien.

 

 

Muzungu ist Suaheli und heißt: die im Kreis herumirren. Besser gefällt mir die Bezeichnung die die Massai uns gaben, als sie die ersten Hosen tragenden Weißen sahen, sie nannten sie “jene, die ihre Fürze einsperren“.

 


 

Ruanda wird aber auch die „afrikanische Schweiz“ genannt. Es gibt sich fortschrittlich (Rundhütten sind verboten, weil zu schäbig) und ist das sicherste und sauberste Land Afrikas. An der Grenze wurden uns alle Plastiktüten abgenommen, auch sie sind verboten, Getränke in Dosen gibt es kaum und für Glasflaschen wird Einsatz verlangt. ‘Umuganda‘ bedeutet auf Kinyarwanda, der nationalen Sprache: zusammenhalten, sich gegenseitig helfen. An jedem letzten Samstag im Monat, vormittags, ist Großreinemachen, „Ramadamma“  wie das in Bayern heißt. Und daran beteiligen sich (fast) alle, einschließlich Präsident und Minister. Da werden z.B. Straßen ausgebessert, Krankenhäuser neu gestrichen oder Schulen gebaut.

Wir fahren den Kiwu-See Richtung Norden. Unser erster Stopp ist in Ciangugu das Gästehaus der Anglikanischen Kirche. In Kibuye wohnen wir im Hotel der Presbyterianerinnen. Beide Anlagen sind Picco Bello. Ich frage mich welche Rolle die verschiedenen Kirchen wohl während des Genozids gespielt haben. Nicht immer war sie rühmlich. Ein Fall ist mir bekannt wo Hunderte von Tutsi Zuflucht in einer Kirche gesucht hatten und der Pfarrer dann den Hutus das Tor geöffnet und zugesehen hatte wie seine „Schäfchen“ niedergemetzelt wurden.

„Das ist der schönste See, den ich je gesehen habe“ sagt Heimo. Auf 1450m über dem Meeresspiegel, misst er grob 100 X 50 km, hat eine Unzahl an Inseln und tiefen Fjorden und ist von hohen Bergen umgeben. Am äußersten Punkt einer Halbinsel ist auf unserer Karte ein Zelt eingezeichnet. Ein Campingplatz; da wollen wir hin. Eine schlechte Piste führt durch Dörfer, Hirse-, Kaffee-, Tee-, Bananenfelder und Eukalyptuswälder. Aber als wir hinkommen - eine Schranke und bewaffnete, gelangweilte Soldaten. Wir sind eine willkommene Abwechslung, aber einen Campingplatz gibt es hier nicht und bleiben dürfen wir auch nicht. Keine 100m entfernt liegt eine Insel und die gehört zur Demokratischen Republik Kongo.

 

Auch bei unserem nächsten Stopp in Gisenyi ist die Grenze zum Kongo nur wenige Kilometer entfernt und gleich dahinter liegt Goma. Unser Hotel (Paradis Malahide) liegt in einer schönen Bucht südlich der Stadt. Tags darauf rudern wir mit 2 amerikanischen Ärzten, die in Kigali für USAID arbeiten und zwei Berliner Touristen zur nahen (aber noch Ruandischen) Insel.

Der Virunga-Park ist etwas größer als Südtirol

Volcanoes NP

Zwischen 1.und 2. Breitengrad befinden wir uns und trotzdem holen wir wieder unsere Daunendecken hervor. Auf 2.300m Höhe sind die Nächte kühl. Der Nationalpark ist klein und bildet den ruandischen Teil des Virunga-Parks. Im Dreiländereck zu Kongo und Uganda, bilden die erloschenen Virunga-Vulkane  die Grenze, der höchste, der Karisimbi ist über 4.500m hoch. Im Regenwald leben die Goldenen Diadem-Meerkatzen, und die Berggorillas. Hier erforschte Dian Fossey „ihre“ Gorillas. Zuerst müssen wir ca. 500m über Vulkangestein und durch Weizen- Kartoffel- und Pyrethrumfelder steil bergauf, ehe wir zur Mauer des Parks gelangen. Hier gehen wir durch dichten Bambuswald und erst dann beginnt der glitschige Bergregenwald.

 

Gorilla Beringeri

Ein emotional intensives Erlebnis

Wir sind nur zu fünft, werden aber von mindestens doppelt so vielen Männern begleitet. Die einen mit Kalaschnikows bewaffnet (es heißt hier gibt es Büffel, vielleicht will man uns aber vor eventuellen kongolesischen Wilderern oder marodierenden Milizen schützen), Trägern, Spurenlesern und Guides mit Macheten - in Afrika heißen sie Pangas - mit denen sie uns den Weg frei schlagen. Die meisten waren früher Wilderer. Sie kennen das Gebiet und die Gewohnheiten der Tiere wohl am besten.

Und plötzlich ist sie vor uns, Susa, die größte Familie mit 40 Mitgliedern. In einer Lichtung von mannshohem wildem Sellerie dösen gleich drei Silberrücken auf dem Rücken liegend, Weibchen kauen gelangweilt an Stängeln, während die Youngsters und Babys unermüdlich wild herumtollen.

 

Obwohl die Regenzeit hier erst im April beginnt ist der Himmel seit Tagen bedeckt, die Luftfeuchtigkeit hoch. Den Burera und den Ruhondo See können wir, wie die Vulkane Tage zuvor, von der schönen Virunga Lodge aus, mehr erahnen als wirklich sehen. Wie im Film. Der heißt ja auch nicht ‚Gorillas in der Sonne‘.

Kigali im Dunst

Kigali, die Hauptstadt mit 1Mio. Einwohner.

Überall wird gebaut: Hotels, Bürogebäude, ein neuer Flughafen. Hotel Ruanda, Schauplatz des gleichnamigen Films wurde renoviert, heißt Hotel des Mille Collines und ist kaum noch wieder zu erkennen. Im La Galette, Restaurant und Supermarkt mit deutscher Metzgerei und Bäckerei kaufen wir ein. Wir suchen Monika und Walter, zwei Deutsche die etwas außerhalb auf ihrem Grundstück mit wunderbarem Blick ins Tal einen Campingplatz errichten (S01°58.338 E029°59.357). Leider fahren wir am ersten Tag auf den falschen Hügel und schlafen im Hotel Heimat. „Warum Heimat?“ fragen wir den schwarzen Hotelmanager.  „Heimat is the German word for village. And we are in a village here“. Aha. Ruanda ist Schwerpunkt deutscher Entwicklungshilfe. Seit 1982 gibt es die Partnerschaft Rheinland-Pfalz/Ruanda. Gemeinden, Schulen, Kirchen, Universitäten, gesellschaftliche Gruppen, Verbände, Unternehmen und weitere Bildungseinrichtungen unterhalten Kontakte zu Ruanda.

 

Blöderweise haben wir unser Auto im Hotel neben dem hohen Zaun des weitläufigen Gartens geparkt und als wir am nächsten Morgen aus unserem Dachzelt krabbeln, hängen Hunderte von Schulkindern an den Eisenstäben und beobachten uns. „Ich fühl mich wie im Zoo“, sagt Heimo. Da nützt auch kein Warten, denn wir Muzungu sind viel interessanter als die Schule.

Pangas heißen die Macheten in Afrika überall gibt es Mahnmale des Genozids

Tutsi oder Hutu? Diese Frage stellte ich unserem Guide zu den Gorillas. Die Antwort kam prompt, wie auswendig gelernt. „Ich bin stolz ein Ruander zu sein. Ob Tutsi oder Hutu, das spielt keine Rolle. Ich fühle Elemente von beiden in mir“. Die Vergangenheitsbewältigung à la Paul Kagame funktioniert, zumindest oberflächlich. Die Frage ist nur, was passiert in Ruanda wenn es Kagame eines Tages nicht mehr gibt und seine autoritäre Herrschaft die derzeitige Stabilität nicht mehr garantiert? Beispiele in der Geschichte gibt es genügend, denken wir nur an Jugoslawien. Rassistische Querelen und Diskriminierung soll es trotz vermeintlicher Befriedung geben. Kagame und seine wichtigsten Leute sind Tutsi. (siehe unter Kurioses: Paul Kagame)

Land und Leute haben uns sehr gut gefallen, aber so manches was wir über Ruanda gelesen hatten schien uns doch etwas zu positiv bewertet.

 

- weiter geht's unter Tansania Feb./März 2014