Dezember 2011



Mauretanien



Die Informationen über Mauretanien könnten unterschiedlicher nicht sein: von gefährlich und landschaftlich uninteressant bis absolut sicher und wunderschön. Daher waren wir bis zum Schluss unschlüssig; sollen wir auf dem schnellsten Weg durch, oder uns etwas Zeit lassen.



Gleich hinter der Marokkanischen Grenze wartet ein weißer Mercedes auf uns. Das klingt nobel, ist es aber nicht, denn wie schon in Marokko ist jedes zweite Auto ein alter klappriger Mercedes. Cheikh im hellblauen Boubou steigt aus, kommt auf uns zu, reicht uns die Hand und lacht: „Heimo et Dagmar.“ Er hat auf uns gewartet. Idoumou schickt ihn. Mit ihm hatte ich immer wieder E-Mail-Kontakt um über die Lage in Mauretanien auf dem Laufenden zu sein. Wie alle Mauretanier hat auch er mir immer wieder versichert, das Land sei "very safe". Die sind ja nicht blöd und sagen: „Bleibt zu Hause, wir brauchen eurer Geld nicht.“ Die 5 km durchs Niemandsland zwischen Marokko und Mauretanien sind abenteuerlich. Keines der beiden Staaten fühlt sich für die Straße verantwortlich, dementsprechend ist der Zustand der Piste. Und die darf man auf gar keinen Fall verlassen, denn das Gebiet ist vermint. Dass das keine leeren Behauptungen sind davon zeugen die vielen ausgebrannten Autowracks.

Cheikh erledigt für uns die Grenzformalitäten und besorgt uns die Versicherung für Mauretanien.

In der Westsahara und die ca. 50km bis Nouadhibou sind wir an den Polizeikontrollen mindestens schon 10 Fiches losgeworden. Das sind die bereits zu Hause ausgefüllten Zettel, wo sämtliche Daten, einschließlich der Namen unserer Eltern gespeichert sind. Diese vorbereiteten Zettel sind überaus nützlich, die Beamten sind gut gelaunt, da sie unsere Daten nicht aufschreiben müssen, und wir ebenso, denn wir ersparen uns viel Zeit.



In dem sandigen Camping Abba sind nur „Abenteurer“ wie wir :). Ein Pärchen auf Fahrrädern, ein Motorradfahrer, zwei junge Kasseler, die ihren alten Mercedes in Gambia verscherbeln wollen, und 2 junge Industriedesigner aus Linz, eigentlich ist einer von beiden aus Schabs im Vinschgau. Sie sind ebenfalls mit einem Toyota Landcruiser unterwegs, gönnen sich eine dreimonatige Auszeit und wollen bis nach Dakar und wieder zurück.

Eines, um nicht zu sagen die Hauptattraktion des Landes ist die Erzbahn von Zouérate nach Nouadhibou. Drei Mal täglich bringen die als eines der längsten der Welt geltenden Züge das Eisenerz nach Nouadhibou wo es im Hafen verschifft wird. Wir fahren zum Bahnhof, wollen unser Auto auf einem Plattformwagon verladen und 700km in den Osten bis nach Choum mitfahren. Das war früher möglich, als es noch mehr Touristen gab und die Einheimischen nicht von der Piste Gebrauch machten. Alleine wollen wir die sandige Piste nicht zurücklegen, denn von Choum nach Atar, unserem eigentlichen Ziel sind es noch einmal 110km Piste. Wir geben uns 2 Tage Zeit. Falls wir bis dahin niemanden finden der dieselbe Strecke fährt, nehmen wir die Straße in den Süden nach Nouakchott.



Müll abladen verboten

Nouadhibou. Viel gibt es darüber nicht zu berichten. Die zweitgrößte Stadt des Landes hat kein einziges Café, zumindest haben wir keines entdeckt und auch in unseren Büchern ist keines aufgeführt.

Gespräch unter Europäern am Campingplatz „Wo habt ihr Geld gewechselt?“ „Da geht ihr die Straße ungefähr 1-2 km entlang, dann kommt ein Baum, den könnt ihr nicht verfehlen, er ist eh der einzige und nach weiteren 100m kommt eine Bank mit Bankautomat“.

Mitten in der Stadt ein riesiger Platz; Sand, Schutt, Abfälle aller Art, hauptsächlich Plastik und Gummi. Dazwischen ein paar Ziegen. Ein paar Männer schaufeln den Dreck zu Haufen zusammen, reißen die wenigen Stauden mit den Wurzeln aus und werfen sie darüber. Zuerst wundern wir uns darüber, doch dann erinnern wir uns der schwarzen Rauchschwaden von gestern Abend. In der heißen Sonne trocknen die Stauden schnell und brennen gut. Die Männer schwitzen in der mittäglichen Sonne. Daneben sitzt ein Mann am Boden, an eine Straßenlaterne gelehnt. Er hat einem Plastikkanister mit Wasser und ein paar Baguette, die fast schwarz von den vielen Fliegen sind. Proviant für die Arbeiter. Ist das ihr ganzer Lohn?



unser weiser weißer Taxler

 

Wir möchten zum Cap Blanc wo es viele Mönchsrobben geben soll. Wir verhandeln mit einem Taxifahrer. Er will 3.000UM. Als wir im Taxi sitzen fragt er uns wo Cap Blanc ist. Wir wissen nur die ungefähre Richtung, sind wir doch davon ausgegangen, dass er, erstens von hier und zweitens Taxler den Weg kennt. Hat er uns doch sofort einen Preis genannt als wir das Ziel angaben. Er rast dahin und spielt auf voller Lautstärke immer wieder das gleiche Lied von Dire Straits. Zwischendurch hält er an und fragt nach dem Weg. Er erklärt uns, dass er ein Weißer ist und „all blacks are monkeys“. Zum Cap Blanc kommen wir leider nicht, laut ihm ist es zu weit außerdem hat er kein quat-quat.



Mit zwei Schweden, Mia und Chris fahren wir in den Nationalpark Banc d’Arguin. Laut Prospekt kann man hier Wale, Delphine, Zugvögel beobachten. Im Park gibt es 7 Fischerdörfer. Zwei suchen wir auf. Die windschiefen Hütten aus Blech, Holzscheite, Planen und Stoffe zusammengeflickt, machen einen verlassenen Eindruck. Einmalig ist die Technik der Fischer, mit Stöcken aufs Wasser zu schlagen woraufhin Delphine die Fischschwärme ans Ufer treiben wo die Fischer sie leicht fangen können. Jacques Cousteau hat sich dieses einmalige Spektakel einmal angesehen. Wir sind leider einen Monat zu spät dran. Der Campingplatz der gleich hinter den weißen Felsen von Cap Tafarit direkt am Strand liegt hat sicher schon lange keine Gäste mehr gesehen. Das Restaurant ist geschlossen, es gibt keinen Fisch, die Dusche ist versandet, ebenso die Toilette. Als wir den Parkaufseher fragen wo wir aufs Klo gehen können holt er mit der Hand weit aus und dreht sich 360°. Das einzige Tier, das wir für unser Parkeintrittsgeld zu sehen bekommen ist eine kleine Maus mit langem Schwanz. Am Abend als wir vor unseren Autos zusammensitzen kommt sie, angezogen von den Insekten in unserem Lichtkegel und macht Jagd auf diese. Dabei springt sie fast bis zu 1 m hoch.



 

62 Mio€ zahlen die EU für die exklusiven Fischereirechte jährlich an Mauretanien. Verarbeitet wird der Fisch auf den Kanarischen Inseln. Angeblich werden die Sardinenkonserven zum Teil wieder an Mauretanien verkauft. Mauretanische Fischer beklagen das Leerfischen ihrer Gewässer und als Folge den Rückgang der Seevögel im Nationalpark.



Staub wirbelt durch die Luft und breitet sich als ockerfarbene Schicht über alles. All unsere Geräte sind so staubig, wann werden wir die ersten Ausfälle haben?!?

mit den Schweden im Nationalpark

Die Weiterfahrt bis Nouakchott hätten wir gerne direkt am Strand zurückgelegt. Das geht bei Ebbe, man muss aber höllisch aufpassen, dass man nicht zu weit ins Wasser oder in den trockenen Sand kommt. „Dann hat uns die Katz“, sagt Heimo. Über die Internet-Seite der französischen Marine besorgen wir uns den aktuellen Gezeitenstand. Um 7.00 Früh oder 7.00 Abends ist der niedrigste Wasserstand. Abends kommt nicht in Frage, denn in der Nacht wollen wir nicht fahren. Das bedeutet fast einen ganzen Tag und eine Nacht ungeschützt vor dem heißen Saharawind, Harmattan genannt, in dieser leeren Welt auszuharren. Zufällig bemerken wir, dass unsere Visa und die Autoversicherung zwar noch bis 7.1. gültig sind, aber die Zollpapiere fürs Auto in zwei Tagen verfallen. Schnellstens fahren wir auf die Teerstraße zurück und brausen nach Nouakchott, unterbrochen nur von den unzähligen Polizeikontrollen. Immer dasselbe Spiel: 100m vor der Polizei beim Halteschild mitten auf der Straße anhalten. Aufs Handzeichen der Polizei warten. Langsam sich nähern, auf den ungeteerten Seitenstreifen runterhoppeln. „Bon jour, ça va? Vous avez des fiches? Vous venez de ou? Lieu de destination?“ Es gibt hier keine Alternativen, alle kommen aus Nouadhibou und fahren nach Nouakchott. Was soll also die blöde Fragerei?

Heimo erklärt voller Stolz „Nemsa“ was auf arabisch Österreich heißt. Je mehr man ihnen das Gefühl gibt, dass sie wichtig sind, vielleicht noch ein bisschen mit ihnen scherzt, umso schneller ist man wieder weg. Anfangs hat sich Heimo immer geweigert in den Straßengraben zu fahren, ist ausgestiegen, hat mit vielen Handzeichen auf deutsch zu sprechen begonnen, doch dann dauerte der Aufenthalt nur noch länger. Also haben wir dazugelernt und wurden gehorsam.

Später erfahren wir, dass unsere Daten mittels Mobiltelefon jeweils an den nächsten Posten gemeldet werden. Wenn wir dort innerhalb einer bestimmten Zeit nicht auftauchen beginnt die Suche nach uns. Diese Vorsichtsmaßnahme gilt seit den Entführungen in den letzten Jahren. Es ist also zu unserer eigenen Sicherheit. Seit wir das wissen, denken wir anders über diese lästigen Kontrollen.



einer schaufelt, der andere fotografiert

It’s going to be a busy Sunday in Nouakchott der Hauptstadt. Das Wochenende in Mauretanien ist nämlich Freitag und Samstag.

Um 8.00 sind wir schon bei Toyota: Filterwechsel, Ölwechsel 11 l und Gelenke abschmieren.

Dann geht’s zum Hauptzollamt für die Verlängerung. Verschiedene Schieber werden für uns tätig, obwohl wir niemanden damit beauftragt hatten und fordern bei Aushändigung des Papiers 50.-€. Stolz weisen sie daraufhin, dass die Verlängerung für 20 Tage gilt, obwohl wir nur 2 Tage beantragt haben, das soll den überzogenen Preis rechtfertigen. Nach zähem Verhandeln zahlen wir schließlich 8.-€. Das Visum an der Botschaft von Mali bekommen wir relativ schnell. Doch dann klappern wir sämtliche Versicherungsbüros ab, um die CEDEAO-Versicherung, die für verschiedene Westafrikanische Länder gilt, abzuschließen. Das ist in der heißen Sonne sehr anstrengend, nur die Hauptstraßen sind asphaltiert, die Gehsteige sind weicher Wüstensand. Keine der Versicherungen hat die dafür gültigen Polizzen vorrätig. Diese Papiere müssen vom Senegal geschickt werden, sollten schon längst da sein. Sind sie aber nicht. Wir mutmaßen, dass Mauretanien für die Versicherung zwar immer fleißig kassiert, die Gelder aber nicht weitergeleitet hat. Daher werden so schnell wohl keine Papiere eintreffen.

Am nächsten Tag vor der Weiterreise schließen wir dann eine 10-tägige Versicherung für Senegal ab.

Bis zur Grenze Senegals sind es 200km. Goldene hügelartige Sanddünen, die, je weiter wir in den Süden kommen mit Sträuchern und später sogar mit Bäumen bewachsen sind. Wir kommen in die Sahelzone.

In Rosso an der Grenze zum Senegal werden wir von motorisierten Schiebern überfallen. Diese Grenze ist berühmt-berüchtigt. Sie gilt als eine der schlimmsten, wenn nicht sogar als die schlimmste Afrikas.

Wir aber biegen rechts ab, Richtung Westen, fahren den Fluss Senegal ca. 100km auf dem Damm entlang nach Djama. Links von uns der Fluss, rechts salzreiche Auenlandschaft. Kaum besiedelt, an den paar Kanälen trocknen Fischer den Fisch in der Sonne. Den wenigen Fußgängern rinnt der Schweiß herunter. Sie heben den Kopf nach hinten und führen den Daumen zum Mund. Gleich tausendmal bedanken sie sich als wir ihnen Wasserflaschen reichen. An der Grenze geht es fast gemütlich zu und in knapp 2 Stunden haben wir alle Grenzformalitäten erledigt.

 



Mauretanien ein Synonym für Wind, Staub und Sand steht nicht unbedingt auf unserer „Würdegernhinreiseliste“. Im Grunde hat nichts so geklappt wie wir es uns vorgestellt hatten.



- weiter geht's in Senegal