Kenia Januar 2015

Im Flugzeug sitzt er neben mir. Er spricht kein Wort Englisch, daher helfe ich ihm bei der Menuauswahl. Der junge Asylant aus Somalia ist vor 4 Jahren über Libyen nach Italien und dann nach Deutschland eingereist. Er arbeitet in Ulm bei McDonalds und fliegt nun in Urlaub nach Äthiopien. Ein Bruder studiert in Addis Abeba. Auf die Frage wie viele Geschwister er hat, lächelt er schüchtern. Er weiß es nicht, aber er glaubt 17. Sein Vater ist in Somalia bei der Armee, hat verschiedene Einsatzstellen und 4 Frauen. Dabei zeigt er mit der Hand auf verschiedene Punkte in der Luft um Einsatzstellen und Frauen darzustellen. (Da verliert man schon mal nicht nur als Außenstehender den Überblick)

In Arusha (Tansania) am Parkplatz vor dem Supermarket kommt uns ein Münchner Toyota entgegen. Beim zweiten Blick erkennen wir das Auto, es sind Birgit und Robert aus Meran. Das letzte Mal haben wir uns beim Pizza-Essen in Marling (Südtirol) getroffen. Aber kennen gelernt haben wir uns in Sambia. Eigentlich wollten wir uns später bei Manfred und Maria treffen. Ihre Reise geht zu Ende, unsere beginnt. Sie waren in Kenia und Uganda, haben sämtliche hohen Berge bestiegen, den Mount Kenia, den Mount Elgon und dann die Punta Margherita im Ruwenzori-Gebirge. Von beiden Ländern sind sie begeistert, aber Tansania hat sie noch mehr genervt als voriges Jahr: noch mehr Polizei, noch mehr Abzocke, die Leute noch unfreundlicher. Im Herbst gibt es Wahlen.

ein Sträusslein

Alles ist natürlich nicht negativ in Tansania, sonst würden wir nicht gar so lange bei Manfred und Maria auf der Farm bleiben. Wir genießen den afrikanischen Sundowner-Blick von der Veranda ihres Guesthouses, die anregenden Gespräche und das gemeinsame Kochen zusammen mit Birgit und Robert, Tom und Regina, Ann und Clive und im lauschigen Garten bei Kaffee und Tee den legendären Kuchen von Maria.

Die rote Piste zum Lake Jipe führt durch lichte Akazienwälder, dazwischen vereinzelt Affenbrotbäume.

Schließlich machen wir uns auf nach Kenia! Aber nicht wie geplant über die kürzeste Strecke nach Nairobi. 1.200US$ Strafe haben Bekannte 2 Tage zuvor an der Grenze von Namanga gezahlt, weil das Carnet abgelaufen war. Wir sind in der gleichen Situation. Das Carnet gilt immer für ein Jahr, daher haben wir ein Neues, dessen Ausstellungsdatum taggleich mit dem Verfall des alten ausgestellt wurde. Der Einreisestempel nach Tansania ist aber vom März 2014 und der Ausreisestempel gehört in den Abschnitt daneben. Die Behörden weigern sich aber ein Dokument zu stempeln, das bereits abgelaufen ist. Taveta ist ein kleiner Grenzübergang östlich des Kilimanjaro. Hier haben wir Glück. Wir zahlen nur für 11 Monate die Foreign Car Tax in Höhe von 20 US$ pro Monat nach. Aber das ist üblich und wir wussten das schon vorher.

Die erste Nacht verbringen wir in Grogan's Castle auf dem Weg zum Lake Jipe. Das Hotel befindet sich auf einem Hügel mit Blick auf die umliegenden Felder, die private Landepiste und im Nordwesten dem Kilimanjaro, dessen schneebedeckter Kegelstumpf noch immer in der Sonne glitzert als wir bereits im Dunkeln unseren Sundowner trinken. Erbaut wurde das Schloss von Ewart Grogan, der, 1874 in London geboren, zu einem der reichsten Männer und zum größten Landbesitzer der Kolonie wurde. Jetzt gehört das Schloss einem Griechen, den wir aber nicht zu sehen bekommen.

Der Kili vom Norden

Zwei Tage später führt uns die Piste nach Norden, vorbei an den Lake Chala, den wir voriges Jahr von Tansania-Seite aus sahen, nach Oloitokitok. Das Städtchen befindet sich am Fuße des Kili auf 1700m daher ist es nicht mehr so heiß wie die Tage zuvor und die Vegetation ist sehr grün. Noch nie habe ich so kraftstrotzenden Mais gesehen. Im besten Hotel, das aber weit davon entfernt ist eine Luxusabsteige zu sein sind mit uns 35 junge amerikanische Ärzte untergebracht.

Im Amboseli National Park haben sie ihre Bomas, und treiben ihre riesigen Rinder-, Schaf- und Ziegenherden zu den Wasserstellen. Wo sie durchziehen ist es trocken und staubig. Da wächst kein Grashalm mehr. Spätestens seit der "Weißen Massai" kennen wir dieses stolze kriegerische Hirtenvolk. Ihr Land ist überall: im Süden Kenias und Norden Tansanias. Dabei kennen sie keine Landesgrenzen, respektieren keine Nationalparks, und kümmern sich nicht um die Regierung, schließlich haben sie ihren eigenen Chief.

Wir campen unter einer großen Akazie im Amboseli NP. Für die Massai ist es ihr Land.

Sie fahren Motorrad, sprechen perfekt Englisch und feilschen beinhart. "We need the money for school."  (Alle Schwarzen wissen wie man uns Weiße das Geld aus der Tasche lockt). Als ich sage: "School is free in Kenya", bekomme ich zur Antwort: "We go to private school". Um den hohen Preis zu rechtfertigen versprechen sie uns "a night drive, a visit of our boma and security the whole night". Nachdem wir bezahlt haben bekommen wir nichts von all dem zu sehen. Wir rächen uns auf unsere Weise, indem wir uns am nächsten Tag weigern auch nur einen von ihnen mitzunehmen. Zu sechst standen sie seit dem frühen Morgen um unser Auto, beobachteten jeden Handgriff und warteten darauf mitgenommen zu werden.

Wir nehmen nie jemanden mit. Das ist schade, denn wir hätten sicher oft interessante Gespräche mit Einheimischen oder bekämen Orte zu sehen, die wir so nicht sehen. Aber Mitfahrer müssten bei uns in der Wohnkabine sitzen aber da liegen zu viele Begehrlichkeiten herum, Sachen die man brauchen könnte obwohl man sie nicht brauchen kann.

Im Vordergrund ein Elefant, im Hintergrund der Kili; das ist die typische Aufnahme im Amboseli NP. Uns zeigen sich Tier wie Berg an diesem Tag leider bedeckt.
Es ist unheimlich still im nahegelegenen Campingplatz. Im Baum über uns tummeln sich Red and Yellow Barbet.

"Ob die uns nicht verscheißern, mit ihrem Stoanerhaufen?" meint Heimo beim Frühstück in Olorgassailie. Ein paar Tage bevor wir unsere Reise antraten hörten wir im Ö1 eine Sendung über die Archäologin Mary Leakey, die hier 1942 eine Unmenge Steinwerkzeuge, Faustkeile, Steinkugeln und Steinklingen sowie Tierknochen ausgrub. In der Altsteinzeit, vor ca. 1 Mio Jahren lag hier ein großer See, an dessen Ufern homo erectus lebte. Aber Vieles bleibt auch heute noch rätselhaft.

JJ's steht für Jungle-Junction und es gibt wohl keinen Afrika-Selbstfahrer, der hier nicht vorbei kommt. Und der Jungle ist nicht irgendwo im anus mundi, sondern in Nairobi. Chris, ein Deutscher aus Waldkraiburg, der schon lange hier lebt, war früher selbst mit dem Motorrad in Afrika unterwegs. Er weiß also was Reisende brauchen: ein Zimmer, eine grüne Wiese für Zelte, einen Park für Autos, ein Restaurant wo es "Winner Snizel" und Coconut Beef Massala gibt, eine Werkstätte, Waschmaschinen und W-Lan. Hier warten Reisende auf ihr Sudan-Visum, man erfährt dass zurzeit für Äthiopien weder an der Botschaft in Nairobi noch an der Grenze ein Visum ausgestellt wird und wie die Straßenverhältnisse in den Norden sind. Heimo erhält einen neuen Blinker für sein Auto. Diesmal war es kein Esel wie in Mali 'who hit his car nor a tree as in Burkina Faso', sondern eine Massai-Kuh. (Heimo ergänzt: eine blöde Massai-Kuh)

Sie hat Bücher unter verschiedenen Pseudonymen geschrieben und wunderschöne Porträts ihrer schwarzen Angestellten gemalt, aber von Landwirtschaft verstand Karen Blixen weniger. Ihre Kaffeeplantage pflanzte sie südwestlich von Nairobi, da wo heute kein einziger Kaffeestrauch mehr steht, weil man weiß, dass der Boden viel zu sauer ist. 6000 Morgen (acres) Land haben sie und ihr Ehemann, der schwedische Baron (wir alle kennen diesen Fiesling, den Klaus Maria Brandauer, der sie schließlich in die Arme von Robert Redford trieb), erworben. Wir haben keine Ahnung, wieviel Land das ist, bekommen aber eine Vorstellung als wir vom Stadtteil Karen etliche Kilometer in die Ngong Berge fahren, bis wohin ihr Land reichte.

The Stanley Hotel

Nairobi die größte Stadt Ostafrikas liegt auf 1.700m und hieß in der Maa-Sprache 'Ort des kalten Wassers' , heute wird es wegen der extrem hohen Kriminalitätsrate 'Nairobbery' genannt.

Sonntagmittag ist's. Die beste Zeit das Zentrum zu besuchen. "Da ist kein Berufsverkehr und die Leute waren schon in der Kirche. Hier rennen alle in die Kirche." verrät uns Chris. Das Zentrum der rasant wachsenden Millionen-Stadt ist nicht groß. An der Kenyatta Road und der Moy Avenue stehen alte Kolonialgebäude, Hotels, Handelshäuser versteckt zwischen blauen Glas-Wolkenkratzern, den Blendwerken des Fortschritts. In der Bar des The Stanley Hotels essen wir zu Mittag. Hier stand der berühmte Fever Tree, an den Siedler ihre Nachrichten nagelten. Er diente in den Gründerjahren sozusagen als Postkasten.

In Afrika besuchen wir in den Hauptstädten immer gerne das französische Kulturinstitut oder die Alliance Française. Da ist immer was los, kulturell wie gesellschaftlich, uns aber interessiert mehr das nette Café, das fast immer dabei ist und genießen die französischen Köstlichkeiten.

Anschließend verlassen wir die Stadt Richtung Norden.

Rapid Camp Sagana
viele Tiere haben jetzt Junge, bevor die große Regenzeit kommt

In den 80er und 90er Jahren pflegten wir die Freundschaft zu einer älteren Dame die wir in der Familie liebevoll 'la vecchietta' nannten. Trotz ihres hohen Alters und ihres Hüftleidens war sie ständig in der Welt herum. "Die meisten Schmerzen habe ich, wenn ich zu Hause rumsitze und fernsehe". Jedes Jahr verbrachte sie ein paar Wochen in Kenia wo ihre Tochter mit Mann und den zwei Kindern lebte. Wenn Vecchietta gerade mal in München war kam sie zu mir und büffelte italienisch. Sie liebte ihre Enkelin Sabine, die nach dem Abitur nach Deutschland auf die Uni sollte. Aber sie war in Kenia aufgewachsen, das war ihre Heimat und dorthin zog es sie bald wieder zurück. In dieser Zeit überflog sie für die Regierung die National Parks und zählte die damals bedrohlich zurückgehende Zahl der Elefanten und übersetzte George Adamson's letztes Buch ins Deutsche, den sie gut kannte. An all das muss ich denken, als wir vom Süden über teilweise miese Pisten in den Meru National Park fahren. Hier lebten Joy und George Adamson und zogen verwaiste Löwen auf, die sie dann wieder in die Wildnis aussetzten. Buch und Film: Born free bzw. Meine Löwin Elsa waren in den 60er Jahren weltberühmt.

Nanyuki River Camel Camp
Der Mt. Kenia vom Westen. Es ist der einzige Berg, am Äquator, der das ganze Jahr über schneebedeckt ist

Man glaubt es nicht, aber es ist bitter kalt am Äquator. Ich schlafe mit Socken, Pyjama und Faserpelzjacke unter Leintuch, Wolldecke und Daunenfederbett. Wir sind die letzten Tage um den Mount Kenia herumgefahren und sind jetzt in Thomson's Falls, bzw. Nyahururu wie das Städtchen auf 2.300m jetzt heißt. Kaum ist die Sonne weg wird es ungemütlich und wir sitzen mit einem Pärchen, er Kanadier, sie Ruanderin um ein großes Lagerfeuer um uns zu wärmen.

Die Straße zum Baringo See schlängelt sich auf und ab, zuerst durch Bananen-, Zuckerrohr-,Tee- und Kaffeeplantagen, dabei kreuzen wir gleich mehrere Male den Äquator. Dann fällt sie in den Ostafrikanischen Graben ab, dem Riss vom Roten Meer, durch Äthiopien und Ostafrika bis nach Mosambik wo er den Indischen Ozean erreicht. Irgendwann in Millionen Jahren wird sich dieser Teil vom restlichen Afrika abtrennen. Es ist heißer hier, Plantagen und Felder gehen in wild wachsende Sträucher und niedere Bäume über. Hier laufen wieder vermehrt Kühe, Ziegen, Schafe und Esel über die Straße. Aber wegen der vielen Potholes im Asphalt ist schnelles Fahren eh nicht angesagt. Am Straßenrand kaufen wir bei den Mama Mbogas, den Gemüsefrauen Tomaten, Avocado, Maracuja, Mango, kleine Bananen und Akazienhonig.

Auch Hippos haben Stimmbruch. Seit letzter Nacht weiß ich es genau. Keine 20 Schritte von unserem Auto und Dachzelt entfernt plantschen die Youngsters wie wild im seichten Wasser des Baringo Sees und grasen im Robert's Camp. Das tiefe Grunzen und das Geräusch des Grasens, wie von Kühen, nur lauter, lieben wir. Aber heute ist Party angesagt. Wir liegen in unserem Dachzelt und beobachten das Treiben unter uns.

durch das offene Maul regulieren Krokodile ihre Körpertemperatur

Während des Tages liegen die Flat Dogs (sprich Krokodile) mit weit aufgerissenem Maul am Ufer und lassen sich die Sonne auf den schuppigen Rücken scheinen. Unser Auto steht im Schatten von Neembäumen, deren gelbe Beeren gerne von Vögeln und Affen gefressen werden. Die lästigen Meerkatzen kommen jeden Morgen, lassen die Schalen der Früchte auf uns fallen und verschwinden wieder nachdem männliche Gäste, sprich Heimo und Turi (Arthur aus St.Gallen) und einige Angestellte mit Schleudern auf sie geschossen haben.

Von unserem Plan zum Westufer des Turkana-Sees (Rudolf-See) zu fahren sind wir wieder abgekommen. Die sandige Piste ist gesperrt, sie wird ausschließlich von Militärs befahren, in 'the Area in Dispute', dem Dreieck zwischen politischer und administrativer Grenze zwischen Kenia und Südsudan. Die 350km der offiziellen westlichen Strecke soll über spitzes Vulkangestein führen. Und genau diese Strecke müssten wir dann wieder zurück. Durchschnittstemperatur 50° im Schatten. Aber in Zukunft wird sich hier noch einiges ändern. 2012 wurden in der Region Turkana gewaltige Ölvorkommen entdeckt. und Forscher haben im Auftrag der Unesco 250 Milliarden Kubikmeter Grundwasser aufgespürt, genug Wasser um das ganze Land über Jahrzehnte zu versorgen.

Der Blick vom Hotel ins Kerio Tal

Also wenden wir uns westwärts, den großen Grabenbruch hinauf, dann durch das Kerio Tal auf die Hochebene von Iten. Auf einer Höhe von 2.400m trainieren Läufer aus der ganzen Welt. Wir sehen zur Mittagszeit nur Weiße, mit nackten Oberkörpern und irgendwelchen Messgeräten um Brust oder Arm. Im Kerio View Hotel sind sie untergebracht. Wir essen dort zu Mittag, bestellen nur die halbe Portion und werden trotzdem abgespeist, wie wenn wir den Marathon heute schon hinter uns hätten. Dabei sieht man doch, dass wir uns nicht mit weichen Knien oder wie auf Eiern bewegen wie so viele andere.

Es stimmt uns immer traurig und ich habe es schon ein paar Mal beschrieben, da es ein verbreitetes Phänomen im ganzen südlichen und östlichen Afrika ist. Da wurde von den Engländern 1927 in schönster Lage die Mount Elgon Lodge erbaut. Nur noch der wunderschöne Park mit den hundertjährigen Bäumen, den dunklen Holzdielen und ein paar vergilbten Bildern an den Wänden zeugen vom Glanz dieser Zeiten. Jetzt wird die Lodge von Schwarzen geführt. Als erstes wurde der Preis angehoben, die Gäste blieben aus, es wurde nichts mehr erneuert oder investiert. Oder war es umgekehrt, die Gäste blieben aus nachdem alles herunter gekommen ist. Das Dach ist undicht, es gibt Stockflecken an Decken und Wänden, die Betten windschief -die Matratzen möchte ich nicht genauer untersuchen- die Vorhänge sind verschlissen, die Metallteile rostig.. Da wollen wir natürlich auch nicht schlafen, sondern fragen ob wir unser Dachzelt im Park aufstellen dürfen.

Spätestens wenn man in Uganda einreist realisiert man, dass Kenia kein Dritte-Welt-Land mehr ist. Die Leute wollen raus aus ihrer Misere, sie wollen was leisten um einen besseren Lebensstandard zu haben. Kenia hat Industrie, sowas wie einen Mittelstand und die riesigen Felder werden mit großen landwirtschaftlichen Maschinen bestellt. Cash Crop und nicht Subsistenzwirtschaft. Auch die Tansaniern wollen mehr Luxus, westlichen Lebensstandard, aber den soll man ihnen gefälligst bieten. Noch zumindest sind sie nicht bereit selber etwas dafür zu leisten.

Ich bin mir im Klaren, dass man Länder nur unzureichend und äußerst subjektiv beurteilen kann, wenn man sich nur ein paar Wochen darin aufhält. Aber was hat mir mein Vater schon immer eingebläut: der erste Eindruck ist der bleibende und ich vergleiche.