Januar 2012



 

Burkina Faso

 

18.01.2012

 

Wir sind immer noch mit Benoit und Patrice unterwegs. Sie sind knapp bei Kasse und an der Grenze beim Zoll wollen sie das Carnet abstempeln lassen. Das ist kostenlos, aber die Beamten wollen ein laissez-passer ausstellen und 5.000 CFA dafür kassieren. Das gilt aber nur für einen Monat und verfällt bei Ausreise. In ihrem Fall, da sie nach Benin und Togo wieder in Burkina einreisen, bedeutet das erneut 5.000 CFA bezahlen. Wir verhandeln stundenlang. Dann ist es zu spät noch weiter zu fahren, da es bald finster wird. Wir kampieren direkt vor dem Zoll. Um Punkt sechs Uhr wird die Fahne eingeholt. Hinter dem Zollhäuschen gibt es einen Brunnen wo wir waschen können. Wir kochen gemeinsam und es wird trotz der Lastwagen die unweit von uns parken ein gemütlicher Abend.



Wie so oft begegnen wir Menschen mit nach außen sprühender Lebenslust.

Am nächsten Tag, wir sind auf dem Weg zur Hauptstadt Ouagadougou, verlassen wir die Straße und stellen uns unter einen schattigen Baum. Wir machen Picknick. Plötzlich strömen aus dem Dorf in der Ferne Kinder herbei. Es werden immer mehr, dann kommen die Frauen. Sie stellen sich wortlos um uns auf, der Kreis wird immer enger. Neugierig beobachten sie wie ich eine Papaya schäle, in Stücke schneide und mit Zitronensaft beträufle. Als ich ihnen den Teller reiche greifen dutzende von Kinderhänden nach den Papayastücken. Im Nu ist der Teller leer, das Eis gebrochen. Sie singen, klatschen im Rhythmus in die Hände und tanzen. Und lachen sich halbtot als auch wir tanzen und ihre Worte falsch singen. Sie sind von einer erfrischenden Heiterkeit, die sich auf uns überträgt. Ein unvergessliches Erlebnis!



Ouaga, wie die Hauptstadt kurz genannt wird, kommt uns im Vergleich zur Hauptstadt Malis viel fortschrittlicher vor. Die Häuser modern, wenn man auch über deren Architektur streiten kann, die Straßen asphaltiert. Es ist finster, als wir uns zu viert vom Hotel Les Palmier im Zentrum auf den Weg machen um ein afrikanisches Restaurant zu suchen. Doch alle Restaurants sind geschlossen. Ein Bankangestellter, der in dasselbe Restaurant gehen wollte wie wir erbarmt sich unser und nimmt uns in seinem Auto mit um ein gutes Restaurant zu finden. Alles ist geschlossen. Auf unsere Frage hin meint er es sei schließlich Winter und kalt und da gingen die Einheimischen nicht aus. Was? Kalt? Es ist 21.00, wir sind immer noch kurzärmlig und finden es richtig angenehm weil es nicht mehr gar so heiß ist. Wir finden kein passendes Lokal und landen schließlich an einer Straßenkreuzung. Zu fünft sitzen wir auf einer Bank ohne Tisch und essen Baguettes mit Fleischspießchen, Gemüsestückchen und verschiedenen Gewürzen. Es schmeckt köstlich. Nur das Wasser das wir aus Plastiktütchen trinken hat einen schlammigen Geschmack.



 

Zu Heimos Lieblingsbeschäftigungen in fernen Ländern zählen seine Tauschgeschäfte. Diesmal tauscht er bei einem Tuareg einen Trainingsanzug. „Originalverpackt, atmungsaktiv and waterproof, you know!?“ - der versteht natürlich Bahnhof - gegen ein Gris-Gris, ein silbernes Amulett, recht hübsch, zur Abwehr negativer magischer Kräfte. Ein faires Geschäft. Die Frage ist nur: wer hat wen mehr beschissen.



Unser Fotoapparat ist kaputt. Wir müssen einen neuen kaufen. Unschlüssig stehen wir im Sony-Laden vor einer großen Auswahl. Da meint der Verkäufer er könne unseren alten reparieren. Als wir ihn nachmittags anrufen ist er bereits repariert und René bringt ihn uns ins Hotel. Er sagt er könne alle Elektrogeräte reparieren: Fernseher, Kühlschränke…Schade dass René nicht in Europa lebt!



die weißen Markierungsstäbe lassen den Rahmen der Oper erahnen

Christoph Schlingensief – oder das Paradox mitten im Busch.


Eine Autostunde von Ouaga entfernt, mitten in der trostlosen Savanne wollte Schlingensief, das enfant terrible des deutschen Kulturbetriebes, eine Oper bauen. „Bayreuth im Busch“ höhnten deutsche Zeitungen. Er fand schnell prominente Mitstreiter, feierliche Grundsteinlegung war im Februar 2010. Als wir hinkommen führen uns der Manager und der Lehrer durch das Gelände, sprechen anerkennend von Christoph. Bis jetzt steht erst die erste Bauphase. 1,5 Milliarden Franc CFA für eine Schule. Nach seinem Tod will seine Frau jetzt das Projekt weiterführen, doch als wir hinkommen sieht es eher nach ewiger Baustelle aus. Mein erster Gedanke: Was soll das? Der Zweite: Toll ein so wahnwitziges Projekt aufzubauen.


 



Frühstück im Busch

Unweit davon, eingerahmt von ein paar Felsen zwischen dornigen Sträuchern finden wir für die Nacht ein ruhiges Plätzchen als Buschcamp. Nach dem gemeinsamen Abendessen mit Pat und Benoit spielen wir unter dem Sternenhimmel Afrikas ein schweizerisches Kartenspiel. Am nächsten Tag klettern wir in den Felsen herum, fotografieren Gesichter, Tiere, Sonnen die Künstler in diese gehauen haben.

Dann trennen wir uns von Patricia und Benoit. Sie fahren in den Osten, wir in den Südwesten, nach Bobo Dioulasso.



der Ofen in dem das Bier gekocht wird strahlt eine höllische Hitze ab

In Casa Africa warten Mia und Christer bereits auf uns. Tom, ein Deutscher ist auch hier. Er bereist Afrika seit Jahren mit seinem Fahrrad. Und dann ist da auch noch ein irrer Ire, er ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wifi gibt es im Casa Africa nicht. Um ins Internet zu kommen sitzen wir mit unseren Computern auf der staubigen Straße und loggen uns bei Toni, einem Unbekannten irgendwo in der Nachbarschaft ein.

 

In Bobo Dioulasso gibt es eine weiß gekalkte Moschee mit Halbmond und Stern und viele Hirsebierkneipen, Cabaret genannt. Das sind Stände an denen auf einem Stock Kalebassen aufgespießt sind. Am Bahnhof ist die Plattform voller wartender Passagiere. Es kommt gerade ein Zug herein, Ich will ein Foto vom herannahenden Zug machen. Nix da. Aus allen Richtungen springen Uniformierte auf mich zu. Klopfen mir auf die Schulter, zerren an meinem Arm: fotografieren verboten.

 

In der Altstadt, man bezahlt eine Taxe und braucht einen Führer, interessiert uns vor allem die Hirsebierherstellung; eine dreitägige Prozedur. Das ist Frauenarbeit. Mit Kalebassen wird die braune brodelnde Flüssigkeit von einem Trog in den nächsten geschöpft. Der Backsteinofen strahlt eine höllische Hitze aus. Am besten schmeckt Hirsebier frisch. Es hält sich maximal 24 Stunden und hat einen Alkoholgehalt von nur 2-4%.



Später lesen wir den Reisebericht von Dude, ebenso Afrikareisender, nur Jahre früher. Hier sein Erlebnis in Bobo, wir haben es genauso erlebt.

Vor der Moschee tummelten sich ca. 40 Reiseführer, die auch gleich auf uns zustürmten. „Wollt Ihr die Moschee besichtigen?“, „Ihr braucht einen Führer.“, „Ohne Führer kann gar nichts besichtigt werden“. Vielleicht war es ganz praktisch, dass unsere Französischkenntnisse nicht überragend sind und wir die ganzen anderen Dinge, die wir unbedingt noch brauchen einfach nicht verstanden haben.

„Was kostet die Besichtigung der Moschee?“. „Pro Person 1,50 € aber ihr braucht auch einen Führer.“. Ich schaue durch die Tür ins innere der Moschee und diese sieht innen aus wie alle anderen Moscheen die ich bisher besucht habe: Leer! Also beschließen wir die Moschee nicht zu besuchen. Für ne Leere Moschee wollen wir keine 3,- € ausgeben.

Schnell wird uns bei der Diskussion mit den Führern klar, dass wir es aller Voraussicht nach ohne Führer nicht schaffen werden in den alten Stadtteil zu gelangen. Also erkundigen wir uns nach dem Preis für einen Führer, worauf wir die astronomische Summe von 10 € genannt bekommen. In Burkina Faso liegt der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters unter 3 €/Tag, also sind 10 € für ne Stunde Führung absolut unakzeptabel. Wir handeln und handeln und handeln und schließlich erklärt uns ein Führer bereit uns für 2 € das Stadtviertel zu zeigen. Er spricht auch Englisch. Mindestens 20 Worte.



Im Stadtviertel dann schleppt er uns von Souvenir-Shop zu Souvenir-Shop. Wir erklären ihm, dass wir nichts kaufen möchten, sondern gerne das Stadtviertel besichtigen wollen. Die einzigen Dinge, die wir sehen sind ein Dreckhaufen, der uns als Voodoo-Mahnmal ausgegeben wird. Es ist wirklich nur ein spitz zulaufender Dreckhaufen, ca. 2m hoch und an einer Stelle klebt etwas Blut und ein paar Hühnchenfedern. Ob das wirklich ein Vodoo-Mahnmal oder ein Touri-Dreckhaufen ist wissen wir nicht. Als nächste Attraktion kommt dann wieder ein.....Souvenir-Shop. Ich geh schon gar nicht mehr rein und bleibe draußen stehen. Werde dann am Ärmel Richtung Eingang gezogen. „Hey, Finger weg. Ich will nichts kaufen.“ Ich solls mir nur mal ansehen. „Ich will auch nichts ansehen in dem Shop. Dafür hab ich kein Eintritt für den Stadtteil gezahlt.“ Ich müsse aber was kaufen, da sie das Geld für die Renovierung und Instandhaltung des Stadtteils brauchen. Ich erwidere, wenn sie den Stadtteil wirklich erhalten wollen, dann sollen sie doch erst mal den ganzen Müll wegräumen. Ich glaub kein Wort von dem was mir alles erzählt wird. Hier wirtschaftet doch jeder nur in die eigene Tasche und die Touristen sind ne willkommene Gelegenheit jemanden auszunehmen. Aber wen wunderts, auch die oberen der Gesellschaft wirtschaften alle nur in die eigene Tasche. Korruption an jeder Ecke. Wir zahlen nichts und ich lasse mich lieber auf etliche Diskussionen ein. Hier meinen echt alle bei uns wachse Geld an den Bäumen und wir müssten nur ernten. Das wir arbeiten müssen für unser Gehalt versteht hier niemand. Wenn hier einer was arbeitet oder ne gute Dienstleistung erbringt, dann hab ich gar kein Problem damit etwas mehr zu zahlen. Wenn ich aber das Gefühl hab ausgenommen zu werden wie ne Weihnachtsgans, dann zahl ich überhaupt nichts.

Die nächste Attraktion ist eine der zahlreichen Hirsebier-Brauereien. Außer ein paar Töpfen auf Feuerstellen sieht man aber nichts. Momentan wird nicht gebraut. Die Schilder, die an der Tür hängen halte ich für interessanter als die Töpfe.
Die beste „Attraktion“ hat sich der „Führer“ bis zum Schluss aufgehoben. Wir kommen an einen kleinen Bach, der mitten durch den Stadtteil fließt und bekommen erklärt, dass es in diesem Bach „heilige“ Fische gibt. Wir sind begeistert. JA, diese Fische müssen wirklich heilig sein. Ansonsten könnten sie in dieser Kloake und diesem Müll nicht überleben. Das Wasser stinkt, dass ich am liebsten ne Maske anziehen würde. Im Flussbett türmt sich der Müll meterhoch. Schweine und Ziegen rennen im Flussbett herum und scheißen in die dunkelgraue Brühe während nebendran ein paar Frauen ihre Wäsche im Bach waschen. Unglaublich!
Ich bin froh, dass die „Stadtführung“ nach guten 45 Minuten schon zu Ende ist. Beim Abschied fragt uns der „Führer“ noch nach einem Trinkgeld. „Junge, ich hab fast ein ganzes Tagesgehalt gezahlt, damit Du uns von Souvenir-Shop zu Souvenir-Shop geschleppt hast.“ Ich glaube er merkt meinem Tonfall an, dass er uns jetzt besser verlässt und nicht noch weiter bohrt, bevor ich jetzt gleich nen Wutanfall bekomme.

 



Auf unserer Reise, in den Städten, Hotels und Campsites treffen wir immer wieder auf die gleichen Toubabs (Weißen). Da sind einmal die Spinner wie wir. Was tun wir uns doch alles an, welche Strapazen nehmen wir auf uns, um diesen Kontinent so zu bereisen wie wir es uns vorstellen! Meistens trifft man sich nicht nur einmal, sondern immer wieder. Zufällig oder weil man es will. Wie mit Mia und Christer, unseren Schweden. Wir reisen ein paar Tage zusammen, trennen uns und treffen dann im nächsten Land in einem Campsite wieder aufeinander.

In den billigeren Hotels stoßen wir dann auf die Gutmenschen und Dritte-Weltverbesserer aus verschiedenen westlichen Ländern. Sie sind mit Projekten aller Art beschäftigt, führen wichtige Gespräche mit Botschaftern und Organisationen und verbringen gastliche Abende mit Einheimischen am Kuhfladenfeuer. Sie haben vielleicht ehrliche Absichten, aber zu viele Illusionen, sehen in den Afrikanern nur schuldlose Opfer von Kolonialismus und Neokolonialismus und sind fundamentalistisch und antieuropäisch. Ich mag sie nicht und ich mag sie nicht!

Ebenfalls in den größeren Städten, in den Kaffees oder Einkaufszentren sitzen die vielen NGOs, die Non-Government-Organisations und schließlich sind da noch die staatlichen Organisationen, wie z.B. Care, Unesco oder Caritas oder Rotes Kreuz. Die flitzen mit ihren weißen blitzblanken Toyotas mit den langen Antennen durch die Lande. Sie nächtigen in den teuren Hotels und morgens können wir ihren Chauffeuren beim Autowaschen zuschauen, um dann auf ihre Herrschaften zu warten bis diese sich endlich vom Frühstücksbüffet losreißen. Ja, die Hilfsorganisationen sind ein riesiger Industriezweig und gewähren vor allem Menschen aus der ersten Welt ein angenehmes Leben (Härtebonus, Gefahrenzulage etc) in exotischen Ländern.

Dann gibt es noch die „expats“, die Expatriates, in den ehemaligen Kolonien lebende Weiße. Viele sind mit Einheimischen verheiratet, führen Restaurants oder leben in ummauerte Compounds mit Wächtern, Wachhunden, Gärtnern und Dienern. Ihnen ist es in der eigenen Heimat zu zahm. Aber hier in Afrika tun sie alles um ihr Leben so zu gestalten, wie es zu Hause, nur ohne Diener, gewesen wäre.

Und schließlich sind da noch die "Hängengebliebenen" wie Konstantin sie nennt. Aufgekrachte Kreaturen, drogenabhängig oder alkoholsüchtig, die nicht mal mehr das Geld für ein Heimreiseticket aufbringen.



Nach ein paar Tagen trennen wir uns von den anderen und fahren weiter in den Süden nach Banfora. Das Hotel Canne à Sucre ist vielleicht die schönste Anlage Burkinas. Doch das Hühnchen Poulet Yassa ist zäh und fleischarm wie bisher überall in Westafrika.

Als wir ein Escarpement hinunter gefahren sind bläst der Fahrtwind wie aus einem Backofen zum Fenster herein. Hier wird vor allem Zuckerrohr angebaut. Wir fahren zum Tengrèla See wo es viele Hyppos gibt und steigen beim Wasserfall Karfiguéla in den glatten Felsen herum. An beiden Orten sind wir alleine. Wir suchen ein Plätzchen für eine Ganzkörperwaschung. Im Freien ist es einfach schöner und effektiver als in den hierzulande meist schmuddeligen Duschen aus denen oft genug das Wasser nur tröpfelt. Im Camping Baobab, auch hier sind wir ganz alleine, gönnen wir uns einen Tag mit Lesen und Nichtstun.




Es gibt kein Fazit. Jeder von uns beiden hat völlig andere Erinnerungen behalten, fast so als wären wir überhaupt nicht zusammen gewesen. Jede Reise ist auf unergründliche Weise persönlich. 

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