Oktober 2012



Bom Dia Camaradas

 

Der Aufwand an ein Angola-Visum zu kommen war gewaltig, aber einen Tag vor unserer Abreise haben wir endlich unsere Pässe mit den heißersehnten Stempeln bekommen. „In so ein Land würde ich erst gar nicht fahren wollen!“ oder „Warum wollt ihr unbedingt dorthin?“, hörten wir zu Hause öfters. Als Hillary gefragt wurde warum er unbedingt auf den Mount Everest wollte, antwortete er: „Weil er da ist.“ Uns geht’s ähnlich. Wir besteigen zwar nicht den höchsten Berg der Welt, sind auch nicht die ersten Touristen in Angola und so ein abenteuerliches Unterfangen wie für Paul Graetz der 1907 mit dem Auto quer durch Afrika, von Daressalam in Tansania bis Swakopmund in Namibia fuhr, wird es sicherlich auch nicht werden. Aber die Aussicht ein Land zu bereisen wo zurzeit kaum Touristen sind, erfüllt uns mit Ehrgeiz und Neugier und daher sind wir bereit so manche Schikane auf uns zu nehmen. Spätestens in Namibia kamen uns dann Zweifel. „Ihr fahrt in ein Scheißland, minenverseucht, durch 27 Jahre Bürgerkrieg zerstört, ganze Generationen ohne Schulbildung, psychisch kaputt und unfreundlich.“ Wir lassen uns überraschen.



Der Bürokratismus Angolas ist legendär. An der Grenze Ruancana am Grenzfluss Cunene stellen wir uns daher auf das Schlimmste ein. Doch der Aufenthalt dauerte nur eine knappe Stunde – wir hatten mit 7 gerechnet - und kostete 55.-€ Roadtax, 1 Bier und 1 Cola Bestechung oder soll ich sagen Motivationsdrink. Uma gasosa heißt das kleine Bestechungsgeld.


Angola ist wahrscheinlich das am meisten verminte Land Afrikas. Der Westen soll mittlerweile minenfrei sein. Da Minen von allen Parteien verlegt wurden, Schätzungen sprechen von 500.000 bis 20 Millionen, gibt es keine Pläne wo sie verlegt wurden. Wir schlafen vorsichtshalber direkt neben der Piste. Im weichen Sand sind Autospuren, also sind wir vor Landminen sicher und Autos kommen hier höchst selten vorbei.



Auf Namibia-Seite führte eine asphaltierte Straße an die Grenze. In Angola geht es nur noch Off-Road weiter. Die erste Ortschaft Chitado. Wir erwarteten uns eine Kleinstadt mit Tankstelle und Bank, ein paar asphaltierte Straßen, ein Café, vielleicht sogar ein Hotel. Nichts dergleichen. Nur ein paar Häuser, Bauruinen, nie fertiggestellt, mit Einschusslöchern. Wir stellen uns in den Schatten eines Baumes mitten im Dorf. Neben uns 2 Ziegen. Sofort kommen 2 Schwarze die sich als Polizisten ausgeben und kontrollieren unsere Pässe. Einer steigt hinten ins Auto. Ich reagiere ungehalten, weiß ich doch, dass er gleich auf was zeigen wird was er haben will. Also mache ich ein finsteres Gesicht und schimpfe auf Deutsch. Dass wir nicht Portugiesisch sprechen ist in diesem Fall gut. Er versteht auch so. Ist jetzt seinerseits sauer. Will erneut die Pässe. Heimo muss mit aufs Revier. Nachdem das Wort „Turistas“ fällt und Heimo eifrig: „Si, si, turistas“ bestätigt, beschwichtigt der Chef den Hitzkopf und Heimo kann mit unseren Pässen wieder abziehen.




Heimo hält Sprechstunde

Wir trinken gerade Nachmittagskaffee als uns ein junger Mann auf Englisch anspricht. Er stellt uns seine ganze Familie vor. Irgendwann erzählt er, sein Bruder hätte Diarrhoe. Heimo kramt in seiner Apotheke und gibt ihm Eucarbon-Tabletten. Da meldet sich der Nächste mit Kopfschmerzen, das Baby hat Fieber, der Übernächste verspürt einen Druck in der Brust und ein Kind hustet. Wir sind von ca. 20 Leuten umgeben und jeder will eine Medizin. Am nächsten Tag entdecken wir im Dorf die Krankenstation. Weiß Gott warum alle zu Heimo kamen und nicht dorthin gehen.

Schon in Westafrika wurden wir öfter angesprochen: „Gib mir gute Medizin. Europäische Medizin ist stark. Afrikanische ist nicht gut!“ Gegen was das Medikament nützen soll ist dabei sekundär.

 Hier in Angola werden wir auch öfter gefragt ob wir nicht eine Bibel hätten. Sehen wir jetzt schon wie Missionare aus? 

Himbamädchen hütet drei Ziegen, Weiße scheint sie noch nicht viele gesehen zu haben

In Namibia hatten wir sie gesucht, in Angola sind sie omnipräsent, zumindest im äußersten Südwesten: die Off Road-Pisten. Nach drei Tagen haben wir es definitiv satt uns alle 20-30m im Kriechgang über reifenkillende Steine in ausgetrocknete Fluss- oder Bachbetten durchzuarbeiten. Mensch und Material werden gequält. Zum Glück haben wir das allwissende Nüvi dabei. Die Strecke die wir fahren wollten bezeichnet es als „not recomandable“ und schlägt uns eine Alternative vor, die es mit „slow and rough“ beschreibt. Über Moimba im Parque Nacional de Iona steht “just a open clearing”. Nur manchmal irrt es sich, wenn ein Haus zum Zeichen einer Ortschaft eingezeichnet ist aber wenn wir hinkommen ist nichts da. Die Himba, Nomaden, sind wohl weitergezogen, weil ihre paar Ziegen oder Rinder schon alle Sträucher abgefressen hatten. Ihre Behausungen oder Zelte, haben sie im wahrsten Sinn des Wortes abgebrochen. In Oncocuo campen wir auf dem Grundstück der Polizeistation. Mitten auf dem Gelände eine offene Hütte mit dem Hinweis hier könnte man die Waffen abgeben. Angeblich besitzt in Angola jeder eine Waffe. Über Toiletten oder gar Duschen verfügt die Polizei nicht. Noch schöpfen die Beamten das Trinkwasser mit alten Aludosen aus schwarzen Otto-Abfalltonnen. Beinahe hätte ich unseren Müll dort rein geschmissen. Die Toiletten werden gerade von den Chinesen gebaut. Gleich nebenan bauen sie auch eine riesige Siedlung. Obwohl Sonntag ist, hämmern sie bis in die Finsternis und fahren mit den schweren Lastwagen, Marke Yac herum. Am nächsten Tag geht es vor 6 Uhr morgens schon wieder los. (siehe unter Kurioses)

 Wir wollen Anna und Philip aufsuchen, sie leiteten die Krankenstation, sind aber nicht mehr da, in diesem gottverlassenen Nest. In ihrem schönen Haus im Kolonialstil hausen jetzt Chinesen. 

Petri Un-Heil

Bei Ebay hatte ich kurz vor unserer Abreise 2 Anglerausrüstungen erstanden. Vom Fischen haben wir beide Nullahnung, aber auf der Flamingo Lodge, direkt am Atlantik, wird Fischen groß geschrieben. Roy, ein netter Südafrikanischer Student, der hier fischt und taucht, die Fische seziert und auswertet um anschließend seine Thesis über die klimatische Veränderung im Benguelastrom und die Auswirkungen auf die Fische zu schreiben, versichert mir, unsere Ausrüstung sei gut. Aber bei netten Menschen weiß man nie sind sie nur höflich oder sagen sie die Wahrheit. Nachdem ich am Vormittag fleißig Angel auswerfen geübt habe nimmt er mich am Nachmittag mit. Im offenen Uralttoyota fahren wir den Strand entlang. Flamingos, ein Seeadler, Möwen und kleinere Seevögel fliegen am Ufer entlang. Neben einzelnen Turnschuhen, Sandalen und Plastikflaschen liegen riesige, von Sand, Meer und Sonne weißgewaschene Walknochen und tote aufgedunsene Seehunde. Die Einheimischen töten die Robben, denn sie fressen zu viele Fische. Hinter uns folgen im eigenen Auto zwei kräftig gebaute Namibier (mit Lagerdepot um die Körpermitte). Richtige Profis: ausgerüstet mit mehreren Angeln, zwei kleineren Boxen mit Köder und großer Kühltruhe mit Bier. Wir angeln mit weißen Plastikködern, die an der Wasseroberfläche die Fische anlocken sollen. Damit sie nicht untergehen, müssen sie in Bewegung bleiben, d.h. eingeholt werden. Dadurch ist man ständig in Bewegung: auswerfen, einholen. Das Auswerfen macht richtig Spaß und erinnert mich ans Abschlagen beim Golfen. Welch erhabenes Gefühl wenn Ball, oder in diesem Fall, Köder endlich weit hinaus fliegen! Sosehr ich mich auch anstrenge, kein Fisch beißt an. Ich frage nach: „Was ich denn falsch mache?“ Aber schon wieder eine freundliche Antwort vom netten Studenten. „It’s o.k. It looks good. You know, sometimes fishing is tough. “



Heute fahren wir vor dem Fischen in das nahe gelegene Canyon. Kommentar eines der beiden Namibier: „Fucking amazing!“ Was sicherlich zutrifft, vielleicht nicht fucking, aber sehr eindrucksvoll. Das Sandbett und die Auswaschungen lassen ein Mordsspektakel vermuten wenn hier Wasser daher kommt. Ein mulmiges Gefühl kommt auf, beim Anblick der mächtigen abgebrochenen Sandsteinbrocken: hoffentlich nicht gerade jetzt.



Nach drei Tagen verlassen wir die Flamingo Lodge. Direkt am Strand - im schmalen Bereich zwischen dem trockenen Weichsand auf der einen Seite und dem Wasser auf der anderen, geht es nordwärts nach Namibe. „The ultimate kick“ , meint Heimo. „Fucking amazing“, denke ich. Eine Zeitlang begleitet uns parallel eine Delfinschule. 

Im Clube do Nautico in Namibe essen wir ausgezeichneten Fisch und Meeresfrüchte. Am Nachmittag beginnt wie immer die Suche nach einer Bleibe. Der Campingplatz ist total abgefackt, es gibt keine sanitären Anlagen, nicht mal Wasser. In der Pension gleich daneben sind die Zimmer in alten Schiffscontainern untergebracht und in der Pensao Lady Di kostet das fensterlose Zimmer mit schimmliger Dusche 100.-US$. Im Café lernen wir Francesco Moreira, einen überzeugten weißen Angolaner und sicherlich tüchtigen Geschäftsmann kennen. Er lädt uns zu sich ein. Wir lehnen das Zimmer dankend ab, parken aber im Hof seiner Firma und schlafen wie gewohnt in unserem Dachzelt. Abends spazieren wir durch das Städtchen. Durch die portugiesische Bausubstanz hat es einen ganz besonderen Charme.



In der Baia do Baba, ca. 50km weiter nordwärts zeigt uns Francisco seine Fischverarbeitende Firma: die Fischerboote, die riesigen Generatoren, die Kühlhäuser und Lastautos. Von seinem Haus auf der Klippe dirigiert er das Unternehmen in der Bucht, 170 Angestellte. Pfeift dem Schwarzen zu, er solle seine Kapuze vom Kopf nehmen und die Plastiktüte am Strand entfernen. Sauberkeit geht ihm über alles.





acht nackte Negerlein an der Praia Azul südlich von Benguela

 

Benguela. Es wird Zeit, dass wir unsere Portugiesisch-Kenntnisse erweitern. Zum Frühstück haben wir anstatt des Tees zwei Haferl heiße Milch bekommen. Das Brot (Pao) schmeckt köstlich. Heimo meint, da kann sich die Franziskaner-Bäckerei in Bozen ein Beispiel nehmen. Auf der Schlaglochpiste ist eine Halterung des Aludachträgers gebrochen, wir müssen das Teil schweißen lassen. „Soldar, onde?“ blättere ich im Wörterbuch nach. Es geht schnell, kostet 80US$. Wir sind schließlich in Angola. Alles ist teuer, unsere Dolares schmelzen dahin. ATM-Automaten gibt es nur wenige. Aber der US$ steht 1:100 zum Angolanischen Kwanza, daher können wir überall in Dollar bezahlen. Wir kaufen im Shoprite ein: 1 kg Tomaten 12.-US$, 1 Schale Erdbeeren (450g) 20.-$, ein kleines Stückchen Feta-Käse 10.-$ usw. Das Hotelzimmer kostet pro Stern 100.-$, d.h. im drei-Sterne-Hotel verlangt man 300.-$ für die Nacht, hat aber bei Weitem nicht europäischen Standard. Vom Reichtum im Lande profitieren nur einige Wenige, allen voran der Präsident und seine Familie. Wir haben gehört in Portugal kauft er Firmen auf. Die große Mehrheit aber ist wirklich sehr arm. Für die würde Tourismus Erleichterung bringen, aber das interessiert die Reichen im Lande nun wirklich nicht, die mit ihren Hummer oder den schweren aufgemotzten Toyota Hilux oder Tundra durch die Lande brausen.





 

Am äußersten Zipfel der 4 km langen Landzunge Rastinga in Lobito campen wir zusammen mit 2 Deutschen und 2 Niederländern mit Mercedes LKW mit ausgebauter Kabine: Dusche, Toilette, Küche mit Backrohr und in der eingebauten Garage steht das Motorrad. Ein Fischer bietet uns einen großen Thunfisch an. Für die beiden Overlander kein Problem; ihre Tiefkühltruhe ist groß genug. Am Morgen wird der Strand gereinigt: Dosen, Flaschen, Kartone, alles wird eingesammelt, nur die Kondome bleiben liegen. Heimo tauft den Platz: Cabo do Libido.



Die lang herbeigesehnte (nicht von uns) Regenzeit nähert sich. Jeden Tag ist der Himmel etwas mehr verhangen. In Cabo Ledo im Carpe Diem, einer schönen Anlage, lernen wir Linda kennen. In Portugal geboren, die Eltern aus den Cap Verden, in Luxemburg aufgewachsen, in Italien verheiratet, lebt sie - wenn nicht gerade irgendwo in der Welt - in Brüssel. Sie hat Diplomatenstatus, spricht 7 Sprachen und arbeitet für die EU. Zusammen essen wir in der Kwanza River Lodge zu Mittag. Wir haben Glück, Linda nimmt uns unter ihre Fittiche und zeigt uns Luanda.



Silberreiher in der Bucht von Luanda

Luanda ist besonders, Luanda ist Angola, Luanda ist die Stadt der Super-Reichen und –Schönen, aber auch die Stadt der Slums und der Kriminellen. Sie erstickt im Verkehr wie keine andere Stadt der Welt. Linda erzählt uns: „Das Leben ist hart hier. Familien, die nicht ganz zentral wohnen, müssen um 4.00 oder 5.00 Früh aufstehen. Da ist der Verkehr noch passabel. Vor den Schulen parken sie dann und schlafen vielleicht noch ein bisschen, bevor der Unterricht los geht und die Eltern in den Büros der Stadt verschwinden.“ Für Lindas Häuschen zahlt die EU 9.000.-€ Miete im Monat. Das ist nicht viel, meint sie. Ein Haus kann schon 20.000.- und mehr kosten. Und die Mieten sind ein, zwei und sogar drei Jahre im Voraus zu entrichten.



das Dubai Afrikas

Es ist uns bekannt, dass man im Clube Nautico, mitten in der Stadt kostenlos campen kann. Wir sind die einzigen Camper, aber der große Parkplatz ist mit teuren Autos vollgeparkt. Restaurant und Bar sind gut besucht. Motoryachten gleiten herein. Hochseefischerei passt zum südländischen Machogehabe. Degenfische, Schwertfische, Segelfische (Sailfish), sogar ein Delphin und Haie kommen auf die Waage. Der größte Fisch wiegt 3.360kg.

Die Nächte in Luanda sind auch für uns etwas Besonderes. Vor uns die Baia (Bucht) mit der Marginal, der Uferpromenade und dahinter die Skyline der 5 oder 8 Millionenstadt (so genau weiß das niemand) mit den Hochhäusern der Erdölfirmen und Banken. Von Samstag auf Sonntag ist farra (Party) angesagt. Aus voller Lautstärke dröhnt bis um 7.00 Früh tollste Discomusik und lusotropicalismo pur. Sogar Heimo, der normalerweise mit dieser Art Musik nicht allzu viel anzufangen weiß, ist begeistert. Das Problem ist nur, dass wir eigentlich schlafen wollten. Wir liegen wach, erhöht im Dachzelt, vor uns die vielen Lichter der Stadt, in unserer Brust vibrieren die Bässe der Musik.



Blüte der Porzellanblume in Lindas Garten

 

Am Sonntag fährt uns Linda durch Villenviertel und musseques, den Shantytowns. In einem der vielen Restaurants auf der Ilha, der sandigen Halbinsel essen wir Kitetas, Muscheln in Weißweinsauce, ähnlich den Vongole, doch statt mit Petersilie werden sie, wie in Portugal, mit Koriander gewürzt.



Überall in Luanda wird gebaut. Das neue Parlament ist noch nicht ganz fertig. Wird im Volksmund Auditorium genannt, da der Präsident, José Eduardo Dos Santos jedem Abgeordneten einen Audi geschenkt hat. Das muss wohl 2010 gewesen sein, als er eine Verfassungsänderung durchsetzte, die es ihm ermöglicht - solange die MPLA herrscht - sein Amt auf Lebenszeit ausüben zu können.



obwohl bereits 70 grinst ein junger sportlicher Präsident von abertausenden Plakaten

MPLA – a distribuir melhor

 Auf unserer Fahrt im SW des Landes sahen wir in so manchem Dorf ein neues Auto (Toyota) stehen, das so gar nicht in das armselige Ambiente passte. Entweder war es Zufall, oder aber - so schöpften wir den Verdacht - auch das ein Geschenk des Präsidenten bei der letzten Wahl an den Soba, dem Dorfvorsteher. Schließlich bestimmt er welche Partei in seinem Dorf gewählt wird. Dass zumindest Flachbildfernseher verschenkt wurden, haben wir gelesen, und dass einige jetzt verstauben, weil es in manchen Dörfern keinen Strom gibt. Auf der Straße trägt jeder zweite ein T-Shirt, einen Regenschirm oder zumindest eine Baseball-Mütze mit der Aufschrift MPLA. Die Regierung und führende Partei (MPLA) hat als Slogan bei der letzten Wahl eine bessere Verteilung des Geldes versprochen: „Angola a crescer mais e a distribuir melhor“ lacht der Präsident freundlich von den riesigen Plakaten die überall im Lande verteilt sind. Soll das als Eingeständnis verstanden werden, dass bisher nicht gerecht verteilt wurde? Oder dass sich in Zukunft für die Armen im Lande etwas ändern wird? Wohl kaum. Übrigens: die erste offizielle Milliardärin Afrikas ist die Tochter des angolanischen Präsidenten. 

 



Miradouro do Lua

Wir verlassen die Stadt im Morgengrauen, über die nie enden wollenden  slums, vorbei an den zungueiras, den Straßenverkäuferinnen, die alle das gleiche anbieten. Am Kopf aufgetürmt tragen sie Gemüse und Obst, am Rücken festgebunden ein Kind, an der Hand oft ein zweites. Zum Glück fahren wir antizyklisch, denn auf der Gegenspur stehen Blech an Blech particulares (Privatautos), candongueiros, die hellblau-weißen kollektiven Taxis, machimbombos (Busse) und Lastautos.



Im Nordosten des Landes muss der Bürgerkrieg mehr gewütet haben. Wir erkennen das an den vielen Beinamputierten auf der Straße. Bettler tragen keine Prothese, denn ohne erregen sie mehr Mitleid und das ist besser fürs „Geschäft“. Vor jeder Stadt sind hier Polizeikontrollen. Das Gehalt der Polizisten ist so schlecht, dass sie um was zu essen oder trinken fragen: uma gazosa. Die Landschaft in der Provinz Malanje ist grüner und wird wieder urbar gemacht. Während des Bürgerkrieges kam die Landwirtschaft zum Erliegen, und danach wagten sich die Bauern wegen der vielen Minen nicht auf ihre Felder.



 Neuerdings schlafen wir in den Städten in unserer Rooflodge bei den Missionen oder Kirchen. Sie liegen zentral, verfügen über Toiletten und sind billig. Viele leiten eine Privatschule, denn der Staat trägt zur Bildung der Kinder nur wenig bei. Und über eine Spende freuen sich die Padres oder Párocos (Pfarrer) immer. 

In der Nacht hat es geregnet. Am nächsten Tag wird gepflügt. Schwer ziehen die Ochsen tiefe Furchen in die rote Erde. Am Straßenrand verkaufen Kanuko, 10 bis 15 Jahre alte Jungen die köstlichen Termitenpilze. Wir kennen die großen Pilze mit der glatten graubraunen Kappe aus Sambia und Malawi und bleiben stehen und handeln einen vernünftigen Preis aus.

Ich kaufe in Afrika immer gerne auf der Straße ein, bei den Frauen die ein paar Tomaten, Kartoffel, Zwiebel oder Obst zu kleinen Pyramiden aufgetürmt haben. Nur so profitieren auch sie vom Tourismus. 

 

Funje, ein klebriger, magenfüllender und geschmacksneutraler Maniokbrei der in den armen Haushalten in der Früh, mittags und abends gegessen wird. Dazu gibt es Gindungo, eine scharfe Chillisauce, getrockneten Fisch (stinkt mörderisch), Bohnen, Fleisch oder Gemüse. Im Süden wird Funje oft durch Pirao, Maisbrei, ähnlich der Polenta ersetzt.



Calandula Wasserfälle

Wir haben Passagen aus dem Buch: Afrika pur, gelesen und herzlich gelacht. Wie dramatisch, übertrieben und abenteuerlich doch alles darstellt wird. Im Vergleich dazu ist unsere Afrikadurchquerung die reinste Spazierfahrt durch Münchens Leopoldstraße. Ich erinnere mich, als ich vor unserer Abreise das Buch das erste Mal gelesen habe, hat es mich schwer beeindruckt und mir kamen starke Zweifel ob Heimo und ich diese Herausforderung schaffen würden. Aber wir haben dazugelernt und Glück gehabt.



Petras negras

Immer wieder lernen wir auf unserer Reise interessante Leute kennen. Mit unserem Auto fallen wir auf, oder wir werden sofort als Fremde erkannt und angesprochen. In diesen Ländern, wo es nur wenige Weiße oder gar Touristen gibt, ist man aufeinander neugierig, man spricht sich an, tauscht Tipps, hilft sich. Der gemeinsame Nenner ist das ferne Land und vielleicht die Offenheit für Neues. Da sind z.B. Heidi, Schweizerin die für die Johanniter verschiedene Projekte in Angola leitet, oder Robert Felfly, Libanese, der Laser-Maschinen und LED-Produkte hier verkaufen will, oder Raymonde und Thomy, Schweizer, die seit Jahren mit ihrem tollen Toyota in der ganzen Welt unterwegs sind, Richard, Photojournalist aus Südafrika, oder Hans aus Tirol der in Windhoek die besten Kuchen backt und wie hieß noch gleich der türkische Namibier, Journalist? Manche vergisst man schnell, aber andere bleiben oder man trifft sich wieder, oft auch zufällig, wie mit Wiebke und Dieter aus Nürnberg. Kennengelernt haben wir uns in Eisenerz, in der Steiermark, dann trafen wir uns zufällig im April im Flughafen von Windhoek und dann ein drittes Mal im September im Süden Namibias.



Es gibt ein Zauberwort in Angola, das wir, sobald wir ins Land kamen, auswendig gelernt hatten: „Vamos a esquadra para solver isso!“ (Fahren wir aufs Polizeirevier um die Sache zu klären). Wir kennen das Problem von anderen Ländern Afrikas. Am Schlimmsten ist es Freitag oder Samstag. Fürs Wochenende brauchen die Polizisten Geld um zu saufen oder die Freundin auszuführen. Und die beste Einnahmequelle sind dumme Touristen wie wir, die es meist noch eilig haben. Mit finsterer Miene werden wir angehalten. „Documentos!“ Freundlich lächelnd strecken wir Autopapiere, Pässe, den Nachweis der bezahlten Straßengebühr zum Fenster raus. Linda hat uns gesagt der Beamte muss weiße Handschuhe tragen, sonst bräuchten wir ihm die Dokumente erst gar nicht auszuhändigen. Aber wir wollen ihn nicht gleich gegen uns aufbringen. Die Dokumente interessieren nur bedingt. Er will Geld. Einmal behauptet ein Polizist, getönte Scheiben seien verboten, ein andermal beharrt ein anderer auf dem Formular müsste das Datum als Bestätigung ein zweites Mal unter dem Datum stehen. Die Argumente sind blöd und bei den Haaren herbeigezogen und wir müssen uns das Lachen verkneifen. Da gibt es dann 2 Möglichkeiten: entweder man lässt sich den Artikel zeigen, wo diese Regelung oder das Verbot stehen oder man spricht das Zauberwort. Und man glaubt es nicht wie schnell wir wieder im Besitz all unserer Dokumente sind und uns „Boa Viagem“, gute Fahrt, gewünscht wird.



Maulbeerblatt

Amora e morango

Die Jambo Farm auf 2000 m über dem Meeresspiegel, oberhalb von Lubango baut Erdbeeren und neuerdings auch Kiwi und Weintrauben an. Wir sind wieder im Süden Angolas und wachen jeden Morgen mit blauem Himmel und Sonnenschein auf. Ein paar Tage sind wir alleine auf dem Campingplatz. Pflücken uns zum Frühstück eine Schale frischer Erdbeeren (morango) und Maulbeeren (Amora) und machen Ausflüge zum Leba Pass, zum Christo Rei, und nach Tunda Vala, besuchen Le Chalet, eine Holzhütte wie in den Alpen, wo wir „marend machen“ (südtirolerisch) mit Tilsiter und Edamer Käse und Rotwein aus Murcia. Wir kaufen dort köstlichen Yoghurt und essen im neuen exklusiven Hotel Lululukwe. Terrassenartig fallen die Teiche zur Stadt hin ab und wirken gesamt wie ein großer See. Die Unterkünfte sind als Chalets über die Anlage verteilt, wer fußfaul ist, kann mit den hoteleigenen Golfcarts herumfahren. Die Einrichtung ist gediegen, geschmackvoll. Das Essen gut, aber nicht sehr gut oder gar ausgezeichnet dafür irrsinnig teuer. Wir genießen den Abend und feiern unseren 35 jährigen Hochzeitstag.

Eines Abends kommt Wolfgang im beigen Buschtaxi daher gebraust (das gleiche Auto wie unseres). Er ist aus Windhoek und macht seit Jahren Geschäfte mit Angola. Alle Erdbeerstauden, Reben und Kiwipflanzen hier auf der Farm hat er aus Südafrika importiert. Zwischen Windhoek und Luanda gibt es nichts was er nicht kennt. Als ich ihn frage was mit den köstlichen Maulbeeren hier geschieht, meint er: „Gar nichts. Zu viel Arbeit. Bei den Angolanern muss immer alles schnell gehen, und darf nicht mit Arbeit verbunden sein.“



Leba Pass

Abschied von Angola

Es ist wie wenn uns das Land zum Schluss noch etwas Besonderes mitgeben wollte. Auf dem Weg zurück nach Namibia fahren wir abseits der Nationalstraße über 150km unberührtes Buschland. Auf der weichen, aber nicht zu weichen Sandpiste begegnet uns gerade Mal 1 Auto. Das Fahren wird zum Genuss und man kann fast nebenbei die Seele baumeln lassen. Einzig auffällig und missstimmig ist das Fehlen von jeglichen Wild. Sicher, Raubtiere sind fast nur mehr in Reservate zu finden. Aber nicht ein einziges von den vielen Bockarten (Spring-, Gems-, Ried-, Steen- und usw-Bocks) war zu sehen. Aber vielleicht ist das auch eines der Spätfolgen des langen Krieges, als auf alles aber auch wirklich alles und alle geschossen wurde. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb waren diese letzten Kilometer und die letzten Eindrücke in diesem Land besonders friedlich.



Todo bem! Die Negativgerüchte über Angola haben sich für uns als völlig unbegründet herausgestellt. Die Menschen sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit und - was für Afrika ungewöhnlich ist, zurückhaltend. Sie grüßen, lachen und plaudern, bleiben dann aber nicht stehen und schauen, sondern gehen weiter. Vier Wochen waren wir in Angola und haben uns immer sicher gefühlt, auch abends wenn wir bei Dunkelheit durch die Städte spaziert sind. Es wird viel gebaut, allem voran Straßen. In keinem anderen Land sahen wir bisher so viele Autowracks neben der Straße liegen. Oft rätselten wir: waren es Unfälle oder wurden sie durch Landminen in die Luft gesprengt. Angola wird sich die nächsten Jahre schnell verändern. Man kann nur hoffen, dass es sich öffnen wird, damit mehr Touristen das Land besuchen. Denn Erdöl und Diamanten kann man nicht essen, die unteren Bevölkerungsschichten werden davon nicht satt.



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