1. Oktober 2016

 

Die Piste führt einen kleinen Hügel hinauf. Oben ein paar baufällige Steinhütten. Drei junge bewaffnete Männer in T-Shirt und Jeans stellen sich uns in den Weg. Sie sprechen kein Englisch. Endlich verstehen wir, dass das mehrmals wiederholte Wort 'Passport' heißen soll. Lange blättern sie darin herum. Schließlich händigen sie uns die Dokumente wieder aus und wir können weiter. Wir staunen nicht schlecht, hinter den Hütten führt eine kerzengerade Straße, zum Teil bereits geteert durch die flache Landschaft. Kein Auto fährt in unsere Richtung, keines kommt uns entgegen. Nicht weit entfernt, endlos, glänzen in der unbarmherzigen Sonne ärmliche Hütten, igluförmig aus Ästen, Plastikplanen und Zivilisationsmüll gebaut. Wir mutmaßen Unterkünfte für Flüchtlinge aus dem Südsudan.

Bei Omorate gibt es seit 2015 eine neue Brücke über den Fluss Omo. Hier ist auch das Immigration-Office und der Customs wo Pässe und Carnet von inkompetenten Beamten, die weder über einen Kugelschreiber verfügen noch das heutige Datum wissen, gestempelt werden.

In Turmi wollen wir bei Ankunft in der Mango Lodge sofort bezahlen. Wir haben noch keine Birr. Das sei kein Problem meint der junge Mann, Dollar sind auch ok, den Rest bekäme ich in Birr. Der Manager kommt aber erst morgen früh, wir sollen dann bezahlen. Am nächsten Tag passiert genau das, was wir schon befürchtet haben: der Preis ist über Nacht gestiegen. Angeblich kannte der Junge, der heute unauffindbar ist, den wirklichen Preis nicht. Außerdem haben sie kein Kleingeld, sie können nicht rausgeben. Es ist immer dasselbe mit den Schwarzen! Heimos Kommentar: man erkennt die Absicht und ist verstimmt.

Die Strecke die wir von Turmi Richtung Stephanie-See fahren führt durch ein trockenes Flussbett und ist wunderschön. Wir haben Glück, die Regenzeit beginnt hier im August, aber heuer hat es noch nicht geregnet, daher ist es trocken, sonst wäre die Strecke unpassierbar.

Jeder Hirte scheint hier seine Herde auf die Straße zu treiben. Das ist lästig, da man ständig gezwungen ist anzuhalten. Wird ein Tier überfahren, muss man dafür bezahlen.

In Konso hat es vor ein paar Tagen noch Schießereien gegeben, aber als wir durchfahren ist alles ruhig. Zumindest was die Schießerei anbelangt. Man hat uns gesagt, wenn wir vor uns eine Menschenmenge sehen würden, sollten wir sofort umkehren. Aber Menschenmengen sind hier in jedem Dorf. Es ist Sonntag und jedermann ist auf der Straße.

Der Blick von der Paradise Lodge auf dem darunter liegenden See und dem Tropenwald

Der Hotel Manager der Paradise Lodge in Arba Minch erzählt uns nördlich von Addis Abeba hat es gestern bei Unruhen 72 Tote gegeben.

Bisher haben wir immer von Steine werfenden Kindern gehört. Doch was wir heute erlebten war viel schlimmer. Wir fuhren entspannt auf guter kerzengerader Asphaltstraße, Hörbuch hörend. Plötzlich sehen wir  Steine auf der Fahrbahn liegen, so aufgereiht, dass man nur ganz links dran vorbeifahren kann. Das ist nichts Außergewöhnliches in Afrika und kann verschiedene Ursachen haben: entweder um die Autos zu zwingen, langsamer zu fahren, oder sie wurden nach einer Baustelle schlicht vergessen.  In dem Augenblick als wir die Stelle umfahren wollten sprangen 6 junge Männer aus dem Gebüsch, bewaffnet mit Pangas (Macheten), Messer und runden Steinen größer als Tennisbälle. Einer stellte sich direkt vor uns in den Weg. Daher waren wir gezwungen stehen zu bleiben. Es ging so schnell, dass Heimo nicht einmal Zeit hatte das Fenster hochzukurbeln. Das hätte ihm auch nichts genützt, sie hätten es sofort eingeschlagen. Schon lehnten sie sich zum Fenster herein und schrien aggressiv: "money, money! " Sie waren aufgebracht und nervös und einer hielt ein spitzes Messer direkt auf  Heimo gerichtet. "Money" schrien sie die ganze Zeit, suchten das Armaturenbrett nach Brauchbarem ab, schwarze Hände zeigten auf verschiedene Gegenstände.  Heimo sagte; "No money, we don't have money. These are my glasses". Das verstanden sie nicht und Heimo öffnete das Etui und sagte; "Look, glasses, I need my glasses" Er redete weiter auf sie ein, sagte er spreche nur mit dem einen, der ihm am vernünftigsten schien. Dann kam der Augenblick als der Mann vor unserem Auto, von Neugierde gepackt, auch ans Fenster trat.  Damit war der Weg frei und ich rief: "Fahr los!" Heimo drückte aufs Gas und wir brausten weiter.  Eine weitere Straßensperre. Am Straßenrand immer wieder vereinzelt Männer, entweder sie bewarfen uns mit Steinen, aber so mancher hielt auch den Daumen hoch, was wir mit 'bravo, ihr habt es geschafft' interpretierten.  Dann sahen wir in der Ferne die Meute, Schlagstöcke schwingend, auf uns zu laufen. Es waren bestimmt Hunderte. Es blieb uns nichts anderes übrig als wieder kehrt zu machen. Vorbei an den zwei Straßensperren, in den Straßengraben ausweichend, zum Glück hat sich in der Geschwindigkeit das Auto nicht überschlagen. Vorbei an den Männern die uns schon einmal mit Steinen beworfen hatten. Heimo fuhr direkt auf sie zu, sodass sie zur Seite springen mussten. Trotzdem hörten wir immer wieder das dumpfe Geräusch der aufprallenden Steine auf der Karosserie, die Regenschutzblende vor meinem Seitenfenster zerbarst.

Erst jetzt fiel uns auf, dass weit und breit kein anderes Auto zu sehen war. Also mussten alle Bescheid gewusst haben. Wir fahren aber immer wieder auf Strecken wo wir kilometerlang keinem anderen Auto begegnen. Die Kommunikation in Äthiopien ist schlecht: wir sprechen kein Amharisch  und auf dem Land spricht niemand Englisch. Trotzdem hätten die Leute in dem Dorf, wo ich kurz vorher Brot gekauft habe mir zeigen können, dass wir nicht weiterfahren sollen. Nur einmal hat uns ein Passant ein Zeichen gemacht, das wir im Nachhinein mit 'Nein oder Nicht' interpretieren. Und ich erinnere mich an einer Straßenkreuzung einen Pfeil nach links gesehen zu haben, aber wir wollten doch geradeaus über Aje und Shashemane, der Stadt mit der Rastafari Gemeinde zum Langano See.

In Butajira sehen wir ein neues Hotel mit bewachtem Parkplatz. Dort kommt uns schon ein Schwarzer entgegen, er habe uns in Sodo gesehen, wollte uns warnen. Wir fragen uns 'Warum hat er es nicht getan?' Wir erzählen ihm was passiert ist und fragen warum die Polizei nicht einschreite. Er meint die Polizei sei leider nicht mal die Uniform wert, die sie trägt. Auch in Addis Abeba gäbe es Unruhen mit Toten. Vielleicht könnten wir am nächsten Tag, wenn sich die Lage beruhigt hat, gemeinsam hin fahren.

Noch Tage später als wir bereits weit von den Ereignissen entfernt sind, werden wir das mulmige Gefühl im Magen nicht los. Wir hatten unsagbares Glück: wir leben noch, sind unverletzt und auch die Schäden am Auto sind begrenzt.

Ich werfe Heimo ständig vor, dass er zu viel quasselt, aber vielleicht hat in der brenzligen Situation gerade sein vieles Gerede unser Leben gerettet. Oder war es unser Alter. In Afrika werden alte Leute respektiert.

Am nächsten Morgen telefoniert der Schwarze viel, er hat seine Informanten, schließlich meint er es sei alles o.k. und um 7.30  fahren wir los. 140 km sind es bis Addis. Je näher wir der Millionenstadt kommen, umso weniger Verkehr ist auf den Straßen. Das kommt uns merkwürdig vor. Bei jedem entgegenkommenden Auto hält er an und fragt nach. Wir wissen nicht kommen die wenigen Autos aus der Stadt oder kehrten sie um. Am Straßenrand ein Auto, die Insassen warten. Schließlich macht es kehrt. Ebenso der Schwarze vor uns. Sie bleiben aber gleich wieder stehen und nach 2-3 Minuten fahren sie wieder Richtung Stadt. Wir folgen ihnen noch kurz, sehen eine Straßensperre, hier müssen Autos gebrannt haben. Metallteile, Reifen alles ist schwarz.

Nun haben wir endgültig genug. Unser Entschluss steht fest, wir fahren zurück nach Kenia. Es bringt uns nichts nach Addis zu kommen, auch im Norden Äthiopiens, in Gondar, Bahir Dar, um den Tana See und in der Provinz Tigray soll es Unruhen geben. Und da müssten wir hin, wenn wir weiter in den Sudan wollen.

Wir wundern uns warum wir auf der Internetseite des Deutschen Auswärtigen Amtes keine Warnhinweise über die jüngsten Unruhen im Lande lasen. Am Abend vorher hatte ich noch kurz nachgeschaut. Ist es möglich, dass Polizei und Militär deshalb nicht in den Aufruhr, der gegen die Regierung gerichtet ist, einschreiten, damit er nicht eskaliert? Das wäre fatal für den Devisenbringer Nummer eins: dem Tourismus. Ausländische Gäste, die mit einheimischen Fahrern und Guides unterwegs sind bekommen davon vielleicht gar nichts mit, weil sie zu einem anderen Zeitpunkt oder eine andere Strecke unterwegs sind.  Am Abend wieder zurück in der Paradise Lodge erfahren wir, dass Gäste am gleichen Tag nach Addis hinein und andere die Stadt verlassen haben. Hören aber auch von anderen, die es nicht geschafft haben und wieder zurück mußten. Situationen ändern sich sehr schnell in Afrika, oft schon nach Stunden. Wir waren diesmal wohl zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

Ich frage mich natürlich was wir falsch gemacht haben. Waren wir zu unvorsichtig? Nach all den Monaten, ja Jahren, die wir nunmehr in Afrika verbracht und außer ein paar kleine Gaunereien nie etwas Ernsthaftes erlebt haben, waren wir vielleicht nicht alert genug. Aber wer denkt schon, jedes Mal wenn er in Europa die U-Bahn betritt, am Stephansplatz, Stachus, Walterplatz oder in einem Einkaufszentrum ist, an einen Bombenanschlag und welche Maßnahmen, Fluchtwege er ergreifen soll?

Schäden am Auto

Am nächsten Tag brechen wir frühzeitig auf. Nichts wie weg: 600km sind es bis Moyale an der Grenze zu Kenia.  

Eselskarren sind im Süden Äthiopiens die häufigsten Transportmittel

Wie wir erfahren, hat es in Äthiopien immer wieder Aufstände gegeben. Die Regierung hat das immer vertuscht. Aber diesmal ist es so schlimm, Touristen kamen ums Leben, dass sie am Samstag, dem 08.10.2016 den Ausnahmezustand verhängen muss.

Allzu viel haben wir in den 8 Tagen von Äthiopien nicht gesehen. Wir fuhren durchs Hochland und waren überrascht wie fruchtbar das Land ist: riesige Getreidefelder, Bananenplantagen, Tabak, Reis, Zuckerrohr, Mais, Kaffee. Wenn man das sieht fällt es schwer zu verstehen, dass man sich in einem Land befindet das immer wieder von Hungersnöten heimgesucht wird. Aber wir wissen auch, dass diese meistens hausgemacht sind.

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