„Aserbaidschan liegt im Osten. Im Osten! Erschrecken Sie nicht. Ich behaupte: Der Osten ist ein gutes Terrain für Rebellen, weil er einem viel abverlangt: Wenige anständige Hotels, fragwürdiges Essen, schlechte Straßen, schräge Biographien. Eine solche Reise muss man erstmal aushalten.“ (Ingo Petz)

 

 

Astara ist eine zweigeteilte Stadt: Der Süden, iranisch, orientalisch, der Norden europäisch, osteuropäisch. Neben wackligen Ladas prägen schwere SUVs und Limousinen, von Mercedes, BMW, VW und Toyota das Straßenbild, die Häuser, wenn auch armselig sind zumindest keine Ruinen, bei denen man rätselt sind sie baufällig oder im Bau begriffen und am Strand Liegestühle und Sonnenschirme, man möchte meinen an der Adria zu sein.

 

 

 

Auf der Straße wird frischer Fisch angeboten

Meer oder See? Darüber streiten sich die Geister. Für mich ist es ein Meer. Es hat einen Salzgehalt von 1,2% und viele Zuflüsse wie Wolga und Don, aber  keine natürliche Verbindung zu den Ozeanen, was wiederum für einen See sprechen würde.

Im Hotel Qala (das heißt Burg – der große Kasten sieht aber eher wie ein sozialistischer Plattenbau aus) sind wir die einzigen Gäste. Am nächsten Morgen, ein hoher islamischer Feiertag, wird im Hinterhof stümperhaft ein junger Stier geschächtet. Es dauert ewig und das arme Tier, an Füßen und Kopf zusammengebunden, brüllt erbärmlich wenn die umstehenden Männer am Schwanz oder am Strick um seinem Kopf ziehen, um es in die richtige Position zu schleifen. Ein Dutzend Männer stehen drum herum, diskutieren, gestikulieren während einer die Messer schleift.

 

Es gibt unzählige Kafe im Lande. Dort wird aber kein Kaffee serviert sondern Tee, Çai (sprich Tschai) im Glas und wie in Russland mit einem Schälchen Fruchtbonbons. Die Gäste sind ausschließlich ältere Männer mit goldenen Zähnen. Teetrinken will gelernt sein. Zuerst steckt man ein Stück Würfelzucker in die Wange, dann leert man den Tee in die Untertasse aus der dann die goldene Flüssigkeit geschlürft wird. Im Mund spült man sie um das Stück Zucker und erst dann wird sie genussvoll geschluckt.

Lenkoran, die nächste Stadt am Kaspischen Meer rühmt sich bereits Stalin mit Kaviar versorgt zu haben. Leider sind wir nicht Stalin, oder liegt es an der falschen Jahreszeit - die Ernte der kostbaren Fischeier beginnt erst im Winter - und auf unser fragendes Kaviar? Beluga? antwortet man nur mit Kopfschütteln. Überhaupt ist die Kommunikation recht schwierig, wir sprechen weder aserbaidschanisch noch russisch und die Menschen hier kein Englisch, Deutsch oder Französisch.

Schlammvulkan

Durch geologische Faltungsprozesse wird Gas im Untergrund zusammengepresst und quillt durch Ritzen zusammen mit Wasser und Gestein nach oben. Der Schlamm ist stark mineralhaltig und besitzt heilende Wirkung. Das Gas besteht zu 90% aus leicht entzündlichen Methan. So kommt es, dass Schlammvulkane Flammen spuken können.

Im Süden gibt es auch trostlose Gegenden

Baku gibt sich als Weltstadt. Wir sind baff. Hier wird geklotzt, nicht gekleckert. Keine Designerfirma die nicht mindestens einmal vertreten ist. Sogar die Randsteine der Gehwege sind aus poliertem Granit und die Mauern entlang den Ausfallstraßen hinter gepflegten Rasenflächen mit kunstvoll gestutzten Sträuchern aus aufwändig gearbeiteten Marmor. Wie auf den Champs Elysees brausen Luxuslimousinen durch die breiten Boulevards. Stararchitekten aus der ganzen Welt errichten Wolkenkratzer und Prestigeobjekte. Dabei möchte man Dubai übertrumpfen.

die Flametowers, 182m hoch in der Abendsonne
Der Jungfrauenturm in der Altstadt. Angeblich von einem Khan für seine Tochter erbaut, die er heiraten wollte. Auf der Flucht vor dem Vater stürzte sie sich vom Turm
Ölboomvilla

'Seki ist die schönste Stadt der Welt. Vergleichbar mit Innsbruck, nur schöner.' So schreibt jemand im Internet. Wir sind also gespannt. Doch als wir hinkommen sind wir enttäuscht. Kaum ein Motiv für die Kamera. An der Seidenstraße gelegen, gab es einst mehrere Karawansereien. Auch heute noch werden Seidentücher hergestellt.

Sitzbezüge im Häkelmuster

Es ist Sonntag Nachmittag und teure Autos halten vor den unzähligen Konditoreien um die Honig- und Fetttriefenden Naschereien zu kaufen für die die Stadt heute berühmt ist.

Alle Plastik-Tische in den 'Kafe' sind besetzt, aber wieder nur Männer. Sie spielen Domino oder Backgammon. Wo sind die Frauen?

Tabak wird zum Trocknen aufgehängt

Wir fahren weiter nach Westen, ein breites fruchtbares Tal entlang, nördlich von uns die Ausläufer des Kaukasus. In einem bewaldeten Seitental campen wir wild. Plötzlich nehme ich die bunten Blätter der Bäume und die kühleren Nächte wahr: es ist Herbst.

mit so vielen Goldzähnen eine gute Partie.

Die Aserbaidschaner sind ein Turkvolk und rühmen sich, weltweit den ersten Platz einzunehmen was ihre Langlebigkeit betrifft. 'Eine tiefverwurzelte Mythologie, eine jahrhundertealte islamische Tradition, 70 Jahre Sozialismus, die aktuellen Anforderungen einer durch Ölboom dynamischen Marktwirtschaft – all das verbindet sich im aserbaidschanischen Alltag, und macht das Land faszinierend und facettenreich.'

Ubiquitär und überlebensgroß die Plakate mit dem früheren Präsidenten Heydar Aliyev und seinem Sohn, dem jetzigen Präsidenten Ilham Aliyev. Aserbaidschan, ein Staat mit einer dynastischen Nachfolge an der Spitze ist also keine Demokratie in unserem Sinne, aber die Aliyevs sind westlich orientiert und beliefern uns mit Erdöl, also sind sie salonfähig.