Armenien

Wieder einmal sind wir abseits der großen Verkehrswege unterwegs. Die Straße 20km vor der armenischen Grenze wird immer schlechter. In der Nacht hat es geregnet und wir wissen nicht wie tief die Löcher sind, die mit trübem Wasser bedeckt sind. Das Auto rüttelt hin und her und für 1 Km brauchen wir 5 Minuten. Kein Auto kommt uns entgegen, nur einmal überholt uns ein russischer Mercedes mit getönten Scheiben. Ob es hier einen Grenzübergang gibt? In unseren Büchern steht von 2 Grenzübergängen, doch auf unserer Kaukasuskarte sind drei eingezeichnet. Endlich kommen wir zu einer Baustelle. Hier wird ein neues Grenzgebäude gebaut. Aber noch müssen wir über Dreck waten um zu den Baracken zu gelangen. Statt einer Schranke verhindert ein ausgefranster Spagat die Weiterfahrt. Unser Auto wird gecheckt, dann Passkontrolle. In der nächsten Hütte müssen wir für Versicherung und Roadtax bezahlen nachdem unzählige Papiere ausgestellt und abgestempelt wurden. Endlich kommen wir zur letzten Baracke in der Größe eines halben Containers. Hier sollen wir den ultimativen Stempel bekommen. Drinnen ein Schreibtisch, der gerade als Mittagstisch dient und zwei wackelige Stühle, aber mindestens 6 Männern. Sie heißen uns willkommen. Aus einer Plastikflasche schenkt man uns in Tassen Schnaps ein. „Russia Vodka, not good! Armenia Vodka, verry goood!“ Wir lernen das erste armenische Wort: Worsch, oder so ähnlich. Immer wieder prosten wir uns zu. Wir bekommen Wurst, Speck, Brot, eingelegtes Gemüse, einen Fladen mit grünen Blättern drauf und schließlich Kuchen. Es schmeckt köstlich. Unser Gespräch besteht nur aus einzelnen Wörtern und Kopfnicken. 'Italia/Armenia good friends', 'Hitler, Mussolini kapuut', oder 'Italia! Albano e Romina Power' und dann singen sie 'Felicitá'. Aus Heimo wird Heinrich Heine und nach dem 2. Schnaps Enrico Caruso. Als ich gestikuliere Autofahren und 'Polise' sage, lachen sie. 'Poliis, haha, you give little money and go'. Nach dem dritten Schnaps lässt man uns endlich weiterfahren.

Die Armenier scheinen ein lustiges Volk zu sein.

 

 

 

Was weiß ich über Armenien? Wenig oder gar nichts: Genozid, viele Armenier sind nach Amerika ausgewandert, Charles Aznavour, und in meiner Jugendzeit wurden Radio-Eriwan-Witze erzählt. Das ist schon alles. Ein unbekanntes Land also, zwischen Europa und Asien, zwischen Christentum und Islam, das es zu entdecken gilt.

Der erste Eindruck ist eher deprimierend: graue Häuser.....
....und Gasleitungen

Bergiges Land an den Südhängen des Kaukasus, Wasserarmut und ein strenges Klima ermöglichen nur wenige saftige Flecken. Hier werden Obstbäume angepflanzt, wie Granatäpfel, Pfirsiche, Trauben, Feigen aber kaum Getreide. Die Aprikose kam als prunus armeniaca, armenische Pflaume zu uns.

aber am Abend scheint schon wieder die Sonne
und in der Früh werden wir von Schafen und Ziegen geweckt
wie in Georgien gibt es auch hier unzählige Kirchen und Klöster

Nach langjährigen Auseinandersetzungen mit der Türkei wurde 1918 die erste unabhängige Republik Armenien ausgerufen. 4 Jahre später wurde die junge Republik der Sowjetunion einverleibt und blieb nahezu 70 Jahre unter kommunistischer Herrschaft. Seit 1991 ist Armenien eine freie, unabhängige Republik. Aber das Leben für die Armenier ist auch heute nicht einfach. Zwar sind die schlimmsten Jahre vorbei: das Erdbeben von 1988, der Krieg um Berg Karabach um 1990 und die Wirtschaftsblockade führten zum völligen Erliegen der Industrie. Fehlende Arbeitsplätze, extrem niedrige Arbeitslöhne und die Unzufriedenheit mit der korrupten Regierung verursachen eine neuerliche Auswanderungswelle.

EPEBAH - YEREVAN - ERIWAN

Regierungsgebäude
Theater

Im Zentrum von Eriwan befindet sich 'The Cascade'. Treppen, Brunnen, Skulpturgarten und Museum für Moderne Kunst des Kunstmäzen Gerard L. Cafesjian, ein in New York geborener Armenier. [Die Endung -jan, bzw. -ian der meisten Nachnamen ist übrigens typisch für Armenien und kommt im russischen gar nicht vor, daher ist auch der berühmte Komponist Aram Khachaturian nicht wie wir glaubten, Russe sondern Armenier].

Skulptur von Fernando Botero

Kalt, windig und regnerisch ist's am 1900m hohen Sevansee, daher lassen wir von unserem Plan um den riesigen See herum zu fahren.

Der Sevan See ist 12 Mal so groß wie der Chiemsee

Alaverdi, Stadt im Klostertal. Bei diesem klangvollen Namen ist man versucht sich einen Ort der Erholung und Beschaulichkeit, sonnenbeschienen, voll grüner Vegetation (weil eben ….verdi) vorzustellen. Und dann diese herbe Enttäuschung. Keine Stadt, kein Ort bisher wirkte je trister und grauer auf mich. Aber nicht nur das Wetter allein, es war auch das dunkle Tal das alles noch düsterer erscheinen ließ.

 

Die Menschen stumpf und trübsinnig, sind wie das Spiegelbild all dieser verwahrlosten heruntergekommenen Plattenbauten, der Industrie- und Fabrikruinen, der Autowracks, einfach stehen gelassen dort wo sie steckengeblieben sind, Maschinenwracks verrostet, weil sie seit Jahren nicht mehr das bringen wofür sie eingesetzt waren, all dieser Gebäuderuinen, ganze Siedlungsbauten mit ausgebrochenen Fenster- und Türöffnungen wie dunkle Einschusslöcher.

Industrieruinen, verfallene Gebäude, und graue Plattenbauten aus der Sowjetzeit geben ein tristes Bild so mancher Stadt.

Und wie zum Trost oder Trotz – wer gläubig ist, kann es als eine Art Wiederauferstehung, wer nicht, als ein retour à la natur sehen – es wächst und rankt aus all diesen Löchern, Spalten und Schlitzen unaufhaltsam das Grün der Natur.

Die schöne Steinbrücke von Alaverdi, von Königin Vanané 1192 errichtet, gilt als das älteste weltliche Baudenkmal Armeniens.

Obwohl der Ararat heute in der Türkei gelegen ist, hat er für die Armenier immer noch mythische Bedeutung. Hotels, Restaurants, Zigaretten, Wein, Bier, Wodka, Cognac sind nach ihm benannt.

Übrigens:

Armenischer Cognac ist weltberühmt.

Die Fabrik Ararat ist im Besitz der französischen Firma Pernot.

Woran man einen guten Cognac noch vor dem Öffnen erkennt: hält man die Flasche gegen das Licht, so soll der Cognac wie Bernstein glänzen.

 

Armenien ist das Ärmste der drei Kaukasusländer. Es beschämt mich wenn wir am Straßenrand anhalten um den Kleinbauern ein paar Trauben abzukaufen und sie uns einen ganzen Sack voll schenken.

Armenien hat trotz langer Grenzen keinen Grenzübergang zur Türkei und zu Aserbaidschan daher fahren wir wieder nach Georgien zurück. Zankapfel mit Aserbaidschan ist die unabhängige Republik Berg Karabach [Nagorny Karabach], und mit der Türkei der Völkermord von 1915. Damals wurden 1.500.000 Armenier in die syrische Wüste deportiert.

Zum Schluss noch ein Radio Eriwan Witz:

Frage an Radio Eriwan: "Stimmt es, dass Genosse Chruschtschow gegen Kennedy ein Autorennen gefahren hat? "Im Prinzip ja. Chruschtschow belegte einen ehrenvollen zweiten Platz, während Kennedy nur Vorletzter wurde."