Anreise

Bin ich Afrika-müde? Ein bisschen schon. Durch 26 Länder sind wir gereist, wunderbare Länder, reich an Bodenschätzen, ja sogar Wasser wäre für den gesamten Kontinent ausreichend vorhanden. Trotzdem überall die gleiche Misere. Die Unfähigkeit der Afrikaner ihre missliche Lage zu verbessern, obwohl sie die besten Voraussetzungen dafür hätten, nervt mich.

 

Ich freue mich in einen anderen Kontinent zu fahren, mit einem anderen Auto und das, ohne in ein Flugzeug steigen zu müssen. Konstantin leiht uns seinen Renault Trafic den er toll ausgebaut hat.

 

Hamid ist Perser. Er hat in Österreich Medizin studiert und gearbeitet. Er reist viel und natürlich auch in den Iran. Wir treffen uns mit ihm und Dieter in einem Gastgarten in Graz, wo er uns noch gute Tipps für die Reise gibt. Wir erfahren dass unser Satellitentelefon, wie so vieles Andere im Iran verboten ist, daher lassen wir es zurück.

 

Bulgarien

 

Während Deutsche und Italiener mit einer Identitätskarte in die Türkei einreisen können, brauchen Österreicher einen Reisepass und ein Visum. Heimo hat den falschen Pass mit, jenen den er als verlustig gemeldet hat. Dummerweise befinden sich in diesem „falschen“ Pass auch die Visa für Iran und Aserbaidschan. Im Zeitalter der Vernetzung wagen wir es nicht diesen in der Türkei vorzuzeigen. Was folgt ist ein Spießrutenlauf. Wir können nicht einfach wieder zurückfahren. Ein Dokument, das bescheinigt, dass uns die Einreise verweigert wurde muss erstellt werden. Mehrere Büros, Schalter, Beamte. Jeder behauptet was anderes. Nach 3 Stunden wieder auf Bulgarischen Boden sind wir fix und fertig. Mittlerweile ist es finster. In der nächstgelegenen Stadt, in Svilengrad wollen wir uns ein Hotel suchen. Wir verlassen die Autobahn, die Asphaltstraße wird immer enger. Schließlich landen wir auf einer schlechten Schotterstraße. Wir fürchten schon die nächsten Troubles. Aber wir haben Glück.

Das Parish Hotel ist neu, sauber und gepflegt.

 

Wie soll es weitergehen?

2.000 km zurückfahren und den gültigen Pass holen? Das kostet uns 4 Tage. Dazwischen liegt das Wochenende. Das wäre um Ferragosto eine Höllenfahrt. Von Sofia aus zurückfliegen? Die Flüge sind entweder ausgebucht oder gehen über Istanbul. Mit Zwischenlanden sind wir auch 4 Tage unterwegs und unser Auto steht in der Zwischenzeit unbeaufsichtigt in Bulgarien.

 

Am nächsten Morgen läute ich um 7.00 Früh Norbert aus dem Schlaf und bitte ihn Heimos Pass aus München mit DHL Express zu schicken. Um 10.00 erhalten wir die Mitteilung: alles erledigt.

Jetzt heißt es warten: 1,2,4 oder noch mehr Tage?

Plovdiv, Philippopolis bzw. Trimontium galt als die schönste Stadt Thrakiens und des heutigen Bulgarien. Im modernen Café direkt beim Römischen Stadion, ein Stockwerk unter der Fußgängerzone überrascht uns ein Wolkenbruch. Der Sturm reißt Isolierung und Rahmen aus der großen Glastür und kracht direkt neben Heimo auf den Steinboden. Plötzlich ergießt sich eine stinkende braune Brühe über den Fußboden und verteilt sich über das ganze Lokal. Die Gäste rümpfen die Nasen und versuchen die Füße höher zustellen. Die Stadt hat keine Trennung von Brauch- und Regenwasser. Der plötzliche viele Regen hat die Kanalisation überschwemmt. Fontänen strömen aus den Kanaldeckeln. Als der Regen nachlässt waten Touristen barfuß durch die Straßen und die Verkäufer in den Geschäften kehren das Wasser aus den Läden.

Die Nacht verbringen wir ca. 20km südlich beim Backovski Monastir.

Amphitheater in Plovdiv, im 2.Jh. von Marc Aurel erbaut.

 

Wer kennt schon Svelingrad? In der bulgarischen Kleinstadt nahe der Grenze zur Türkei und zu Griechenland verbringen wir unfreiwillig gleich mehrere Tage und warten auf Heimos Pass. Es gibt hier einen von der EU gesponserten schönen Park, drumherum ein paar neue Hotels und Restaurants. Sonst nur alte schäbige Häuser und im Zentrum ein paar Geschäfte mit dem Charme von chinesischen und 1€-Läden.

 

Türkei

 

Beim 2. Anlauf klappt es dann, wir sind in der Türkei. Aber bald darauf folgt schon der nächste Stress. Für die türkische Autobahn braucht man eine Vignette, die man nicht einfach überall erstehen kann und dann an die Windschutzscheibe klebt, sondern man kauft einen Chip und lädt den dann je nach Bedarf auf. Das erfahren wir aber erst später. Gleich hinter der Grenze wollten wir stehen bleiben da wir Vigneta lasen. Ein Mann winkte uns weiter und sagte: „Istanbul“, woraus wir folgerten, dass wir bei der Ausfahrt zahlen müssen. In Bolu, weit hinter Istanbul verlassen wir die Autobahn. Keine Schranke, aber als wir die Mautstelle passieren geht eine Sirene los. Daneben eine Polizeistelle. Geschlossen. Wir fahren bis zur nächsten, als Selbststeller. Niemand spricht englisch oder deutsch. Irgendwann kapieren wir, in den Filialen von 2 Banken können wir bezahlen.Wir suchen beide auf. Keiner versteht was wir wollen. Alle sind sehr freundlich, telefonieren, wollen uns loshaben und schicken uns schließlich zum Finanzamt. Dort endlich treffen wir auf türkische Wiener die uns weiterhelfen. Am Postamt könnten wir unser Problem lösen. Also gehen wir dorthin. Doch leider haben sie keine Vigneta mehr, auch in der nächsten größeren Stadt nicht. Nahezu einen Tag haben wir umsonst vertan.

 

Erzincan hat 100.000 Einwohner und nur 1 Postamt. Erneuter Anlauf. Wir ziehen eine Nummer. Sofort werden wir aber zu einem Schalter begleitet. Ob wir Tee möchten? Wir lehnen dankend ab. Plötzlich steht ein Tablett mit 2 Türkischen Kaffee und 2 Gläsern Wasser vor uns. Der Kauf der heißbegehrten Vigneta ist etwas kompliziert, Pass und Autopapiere werden kopiert, ein Formular ausgefüllt, zwei Mal korrigiert. Nach einer knappen Stunde können wir endlich losfahren. Man stelle sich mal vor in Deutschland oder Italien würde einem hilflosen Ausländer am Postamt Tee oder Kaffee serviert.

Drei Stunden später an einer Tankstelle auf der Schnellstraße. Der Tankwart eilt aus seinem Häuschen. Wir zeigen ihm, wir wollen nicht tanken, nur die Toilette benützen. „Chai?“ Nein danke, wir möchten keinen Tee. Als wir zum Auto zurückkommen steht ein Tablett bereit: 2 türkische Kaffee, 2 Glas Wasser. Wir trinken ihn schließlich bei ihm im Häuschen. Der Fernseher läuft, Erdogan spricht. „Dictator“ sagt unser Tankwart und fährt sich mit der Hand waagrecht über den Hals. Wir dürfen nicht bezahlen, er freut sich aber über unsere Mannerschnitten.

 

Der 5.600m hohe Ararat ist leider bedeckt. Wir sind begeistert von den freundlichen Türken, den perfekten Straßen und dem sauberen Land. Und überall wird aufgeforstet.

 

Wir hatten Glück. Von München bis an die iranische Grenze war es ein relaxtes Autofahren auf guten Schnellstraßen bzw. Autobahnen mit wenig Verkehr. Einzige Ausnahme in und um Istanbul.